Dies ist die zweite Heinrich Heine Biographie in dieser Reihe des Rowohlt Verlages. Die erste war von keinem Geringeren als Ludwig Marcuse und erschien 1960. Sie war damals nicht ganz neu, sie ging auf ein Manuskript des Verfassers aus den frühen dreißiger Jahren zurück. Was Marcuse an Detailforschung fehlte, ersetzte er durch kluge Gedanken und einen sehr guten Stil. Heute haben Biographien ja häufig eine Massierung von Detailwissen, aber auf der anderen Seite ein Defizit an gutem Stil und klugen Gedanken. Es ist im Heine-Jahr 1997 ein Wagnis für den Verlag gewesen, einen jungen Wissenschaftler, der lediglich eine Magisterarbeit zu Heine verfasst hatte, mit der Aufgabe einer neuen Biographie zu betrauen. Man hätte sich da ganz andere Namen als Christian Liedtke denken können: Joseph A. Kruse oder Jeffrey L. Sammons (dessen Heine Biographie noch nie ins Deutsche übersetzt wurde) würden mir da einfallen. Dennoch ist Rowohlts Vabanque Spiel aufgegangen, das Buch erschien zwei Jahre später schon in der dritten Auflage. Wobei man natürlich dazu sagen muss, ganz so groß ist das Risiko für Rowohlt nicht, weil sie ein eingespieltes Redaktionsteam haben, das selbst hochprofessionelle Manuskripte rigoros bearbeitet, bis sie dem Rowohlt Reihenstandard entsprechen. Ich will damit die Leistung des Autors nicht schmälern, es bleibt ein nützliches Buch, das jetzt noch einmal bearbeitet (und um zwanzig Seiten erweitert) wurde. Es ist auf dem neuesten Stand der Forschung, das war Marcuse nie. Und es präsentiert alle Fakten, Daten, Hintergründe. Aber dennoch - irgendwas fehlt, und deshalb bekommt es auch nur vier Sterne. Man vermisst die Präsenz des Autors. Ich weiß, dass das ein Ziel der Wissenschaft ist, dass der Verfasser hinter seinem Werk zurücktritt, aber ein klein wenig gewagter, essayistischer und stilistischer brillanter hätte es (zumal bei Heine!) schon sein dürfen.