Nachwort
Diesem Band werden weitere Titel folgen, die dem deutschen Leser die Werke rumänischer Autoren bekannt machen sollen", habe ich als Herausgeber im Nachwort eines der ersten aus dem Rumänischem übersetzten und veröffentlichten Bücher geschrieben. Es handelt sich dabei um Vertreter einer Kultur, die ohne Vorurteile und ohne Zurückhaltung den Dialog mit ihren Zeitgenossen suchen, wie dies zuvor Tristan Tzara, Constantin Brâncusi, Eugene Ionesco, Emil Cioran oder Mircea Eliade getan hatten. Wir eröffnen keine spezielle Rumänien-Reihe, weil wir der Meinung sind, dass die Werke der rumänischen Autoren das fortsetzen, was wir bisher mit deutschen, französischen, englischen, italienischen, albanischen, georgischen, bulgarischen und anderen Verfassern begonnen haben - einen europäischen Dialog mit gleichberechtigten Partnern."
Obwohl die Zahl der rumänischen Autoren, die wir deutschen Lesern zugänglich gemacht haben, mittlerweile gewachsen ist, handelt es sich dabei lediglich um einen Tropfen im Ozean der rumänischen Literatur. Wir freuen uns, Ihnen mit diesem neuen Band einen Autor vorzustellen, der nach der Wende von 1989 an die Öffentlichkeit getreten ist und als Vertreter der Generation 90" Aufsehen erregt hat, zusammen mit Rodica Draghincescu, Emilian Galaicu Pãun, Aura Christi, Ioana Nicolaie, Simona Popescu, Dan Lungu, Lucian Dan Teodorovici, Florin Lãzãrescu, Marian Drãghici, Daniel Bãnulescu oder T. O. Bobe, um nur einige Autoren zu nennen, die auf dem deutschen Buchmarkt schon vertreten sind. Trotz sichtbarer Verbindungen zu seinen Mitstreitern ist Robert ªerban meines Erachtens aber eher ein ebenso eigenwilliger wie authentischer Nachfolger der Generation 80", einer der begabtesten und interessantesten literarischen Generationen Rumäniens, deren Vertreter bis auf wenige Ausnahmen (Mircea Cãrtãrescu, Ioan Flora, Matei Viªniec) den deutschen Lesern unbekannt geblieben sind.
Robert ªerban, der an der Uni lehrt, als Zeitungs- und Fernsehredakteur arbeitet und einen renommierten rumänischen Verlag leitet, ist vor allem eines: Dichter. Hätte er reiche Eltern, Großeltern oder Förderer gehabt, die bereit gewesen wären, ihm finanziell den Rücken frei zu halten, er hätte sich nichts anderem als dem Schreiben gewidmet - also der Kultur und nicht dem Kulturbusiness, wie er in einem Interview betonte. Mal abgesehen davon, wie auch immer er selbst dazu stehen mag: Mich persönlich haben seine TV-Sendungen, Interviews, Reportagen und nicht zuletzt die von ihm verlegten wunderbaren Bücher berührt und gefreut.
Was mir aber vor allem Freude bereitet, ist seine Poesie. Sie atmet den Geist der Freiheit und der Boheme, ist ruhelos, immer unterwegs. Anfangs zeigte sie ein eher ironisch-sentimentales Gesicht, ohne jedoch diese Richtung konsequent weiter zu verfolgen. Manchmal gibt sie sich intellektuell, entwickelt aber, jenseits ihres Realitätsbezugs, immer einen unersättlichen Appetit auf Fantasie. Robert ªerbans Ton wird im Laufe der Zeit immer authentischer, immer direkter - trotz oder gerade wegen seiner ironischen Weltsicht, die mit einer Distanzierung (a la Brecht) einhergeht und ein ernsthaftes Einlassen auf die rigiden Fakten, Ereignissen verweigert.
auch in diesem Jahr gab es keinen Krieg / aber die Frauen haben Vorräte angelegt von Reis und Öl / noch mehr Bohnen / Mehl und Teeblüten / ich habe dunkelfarbige Hemden gekauft dickere Socken / Stecknadeln / Schreibbögen mit Umschlägen und Tinte hab ich gekauft // es gab keinen Krieg / jedoch sammelten die Kinder Nägel auf / um sie an die Spitze ihrer Pfeile aus Weidenholz zu stecken / und die scharfkantigen Steine schlitzten ihre Hosentaschen auf / die Tüchtigsten unter uns schliefen draußen / Nacht für Nacht / und schlossen die Augen nur als die Hohlwege / anfingen zu ertönen // es gab keinen Krieg / aber der Himmel ist eine Insektensammlung / in der die Köpfe der Nadeln leuchten" (Es gab keinen Krieg", S. 21).
Der Band umfasst mehrere Zyklen. Heimkino, bei mir" beschäftigt sich mit stets aktuellen Themen wie Poesie, Leben, Liebe, Freundschaft, Kampf: ironisch, versteht sich, im Kleinen, ohne sie klein zu machen, manchmal behutsam, fast zärtlich, manchmal unverschämt, fast brutal. Der Autor, der scheinbar so leichtfüßig und spielerisch vor unseren Augen herumtanzt, vollführt dabei einen ebenso gefährlichen wie melancholischen Balanceakt auf einem unsichtbaren Seil, das sich über den Abgrund unseres Alltagszirkus spannt.
so oft mir die linke Hand einschläft / denke ich ans Herz / und ich frage mich ob es wohl alles / hat was es braucht / ob ich es nicht zu arg durcheinanderbringe / mit meinen Zigaretten und / meinem ewigen Kaffee / mit den Frauen die mehr wollen als sie je gewollt haben / mit dem Leben das der Gesundheit ernsthaft schadet // die Fragen ziehen eine nach der anderen vorbei / bis ich allein bleibe: / die Hand spüre ich immer weniger / das Herz ich immer stärker // gleichzeitig mit der Angst / packt mich meine Rechte / und ihre Finger / steigen hoch und nieder / drücken und lassen nach / stechen und ziehen sich zurück / von der Haut dem Fleisch den Knochen des tauben Armes // es ist als ermutigte meine eine Hälfte / die andere / als beherbergte meine herzlose Hälfte / meine Seele" (Die Stute Herz", dem Gedächtnis von Ioan Flora, S. 68).
Selbstverständlich fasste ich eine deutsche Ausgabe ins Auge, als ich diesen Band auf der Frankfurter Buchmesse in die Finger bekam. Robert ªerban war damals als Verlagsleiter unterwegs und wollte mir eigentlich das Buch eines anderen Schriftstellers in die Hand drücken, aber ich bat ihn um sein eigenes, das ich am rumänischen Stand gesehen hatte. Zum Glück hatte er noch ein Exemplar in der Tasche, das allerdings nicht für mich gedacht war - ich durfte darin blättern. Das habe ich getan. Heute gebe ich ihm das Buch zurück. Es sieht ein bisschen anderes aus, stimmt - aber nur was den Umschlag, die Gestaltung und die deutsche Sprache betrifft. Hellmut Seiler, dem Dichter und Übersetzer, der sich immer noch intensiv der rumänischen Literatur widmet, ist es auch diesmal gelungen, den Texten unter die Haut zu dringen. Ich wünsche den deutschen Literaturliebhabern noch viele solcher Zufälle", auch wenn die Autoren dabei auf ihr letztes eigenes Exemplar verzichten müssen.
Traian Pop Traian
Stimmen der Kritik
Die Gedichte von Robert ªerban haben mich durch ihre Einfachheit überrascht, die Abwesenheit von Emphase, wie das Wort eines Freundes, dem man endlos zuhören könnte und das dadurch seine Unentbehrlichkeit beweist. Sie sprechen mit dir, zu dir, du wirst zum Teilhaber eines Universums, in das einzutreten du von den ersten Verszeilen an eingeladen bist: ,der Rest - Weiß, viel Weiß'."
Irina Iacovescu
Geistreiche Gedichte schreibt Robert ªerban, intelligente wie plastische. Es gibt, sollte man annehmen, in der Banater Luft etwas, das die Dichter zum Spielerischen treibt und zum Humor, ohne dass sie dabei zu Verspielten oder zu Humoristen werden. Sie spielen nicht Literatur", sondern mit der Literatur. Robert ªerban sagt es gleich im ersten Gedicht des Bandes, eine erstaunliche ars poetica: die authentische Poesie hat immer einen poetischen Hintergrund. Im Gedicht je est un autre (ist ich ein anderer). Ein anderer, der mich an der Hand nimmt, wie ein Ertrinkender. Der Dichter ist der Strohhalm an den sich alle Dichter der Welt klammern. Ein bewundernswertes Gedichtbuch."
Nicolae Manolescu