Es fällt schwer, dieses Buch zu beschreiben, das sei vorweg gesagt.
Ich habe es innerhalb von zwei Tagen gelesen, was bei einem Umfang von knapp 300 Seiten zwar durchaus auch bei anderen
Büchern zu schaffen ist, hier aber vor allem dem speziellen Schreibstil von Stefanie Zweig geschuldet war. Ich bin großer Fan ihrer ersten Afrika-Bücher und auch der ersten beiden Bände der Rothschildallee-Geschichte. Man taucht sofort in die Geschichte ein und fühlt sich durch die bildliche Sprache sofort in das Frankfurt des Dritten Reiches bzw. des Nachkriegsdeutschlands versetzt. Auch in diesem dritten Band sieht man jede geschilderte Szene 1:1 vor seinem inneren Auge. Auch, wenn man sich nicht mehr so genau an die einzelnen Familienkonstellationen aus den vergangenen Büchern erinnern kann (so wie das bei mir der Fall war), ist man sofort mitten drin im Familien-Clan und durch den ständigen Kampf der Sternbergs gegen ihre schmerzlichen Erinnerungen werden auch beim Leser Erinnerungen an weitere Familienmitglieder und Gefühle wach.
Ohne zu viel des Inhalts vorwegnehmen zu wollen, sei verraten, dass das Buch hauptsächlich im Nachkriegs-Frankfurt spielt und die Familie Dietz, also Sternbergs uneheliche Tochter Anna und ihr Mann, den Mittelpunkt der Handlung bilden. Wie bereits aus dem Einband zu entnehmen ist, hat Anna die Tochter ihrer Halbschwester Vicky vor dem KZ bewahrt und während des Krieges versteckt. Betsy Sternberg kehrt schwer traumatisiert und lebensmüde als einzige aus der Hölle zurück und muss Erinnerungen an die Zeit des Überlebenskampfes genauso verarbeiten wie die immer wiederkehrenden Erinnerungen an Zeiten, in denen ihre Welt noch heil war.
Dennoch verliert die Familie nie den Lebensmut, nicht zuletzt durch den schnellen beruflichen Aufstieg von Fritz Feuereisen (Vickys Mann, der nach Holland geflohen war und dort im Versteck überlebt hat).
Neben dem familiären Schicksal steht der Wiederaufbau Frankfurts durch die Amerikaner und der Umgang von Juden und Deutschen gleichermaßen mit der Vergangenheit im Vordergrund. Fast schon zynisch werden zahlreiche Begegnungen von Familienmitgliedern mit ihren vorherigen Feinden beschrieben und die Bemühungen aller Seiten, Kapital aus bzw. trotz Vergangenheit zu schlagen.
Politische Entwicklungen geben in diesem Buch eher den Rahmen der Handlung vor als dass sie diese bestimmen würden (was in den anderen beiden Bänden durch den Kriegstod des älteren Sohnes und die ersten Jahre des Dritten Reiches viel mehr der Fall war). Dafür kann man jedoch eigentlich dankbar sein, denn der durchschnittliche Leser hat wohl inzwischen in genügend Büchern Verknüpfungen zu den Untaten der Nazis und die schwierigen Umstände nach Kriegsende erfahren). Politisches wird vielmehr durch die Augen der Betroffenen widergespiegelt, vor allem durch die Witze von Theo Dietz (Annas Mann) und die Reaktionen anderer Charaktere.
In der Amazon-Zusammenfassung stand, das Buch sei auch eine Hommage an die Frauen dieser Zeit... Diese Einschätzung teile ich nicht unbedingt. Zwar geht es auch um Frauen, nicht zuletzt um die Abkömmlinge der Familie Sternberg, aber das ist wohl nicht der Verdienst der Autorin, sondern dem Umstand geschuldet, dass es nach dem Krieg kaum noch Männer gab, sodass es kaum möglich gewesen wäre, diese sinnvoll in die Geschichte einzubinden. Meiner Meinung nach ist dieses Buch vielmehr eine Hommage an die Menschen, die sich trotz der schrecklichen Zeit ihren Glauben an die Zukunft und ihre Menschlichkeit bewahrt haben.
Ich empfehle dieses Buch dringend zur Lektüre!!! Einen Stern habe ich von der Höchstbewertung jedoch abgezogen, weil mir das Ende ein wenig zu gequetscht vorkam. Es verdeutlicht zwar sehr gut, dass die Familie im Hier und Jetzt angekommen ist, doch es laufen doch so Ereignisse schlagartig zusammen, dass es etwas verkrampft wirkt und man sich dann doch nicht so richtig mitfreuen kann.