Das Buch hat einen sehr übersichtlichen Aufbau und eine angenehme Sprache. Letztlich ist die Bewertung gerade eines spirituellen Buches aber vermutlich die subjektivste, die es gibt, denn der Rezensent bewertet verständlicherweise sehr subjektiv danach, ob ihm das Buch weiterhelfen konnte oder nicht, weniger danach, wie gut oder schlecht der Inhalt objektiv betrachtet sei. Bei mir ist es natürlich nicht anders.
Was mir an dem Buch besonders zusagte, war die für einen Westler sehr verständliche Darlegung jeweiliger Grundproblematiken, die die eigene Basis nicht verleugnete. Es gibt Schamanismus-Anhänger, die eher einer "indigenen" Ausrichtung zusprechen. Damit bezeichne ich ermangels eines besseren Begriffes Inhalte, die sich sehr auf (scheinbare) Wurzeln konzentrieren, in denen also möglichst viel von Ritualen, Kriegern und "richtigen" Schamanen die Rede ist, die in irgendeinem Reservat leben und die Probleme der Welt durchschauen. Man verzeihe mir meine Polemik. Aber bei alledem darf man nie vergessen, dass die große Mehrheit der Bücher über Schamanismus von Westlern geschrieben werden, die irgendwie über das Thema stolperten, sich begeisterten und von da an auf der Suche nach den wahren Wurzeln des Schamanismus waren. Die es als solche nicht gibt, weil sich Schamanismus nicht als eine einheitliche Methode entwickelte, die dann über die Welt verbreitet wurde, sondern in allen Ecken der Welt unabhängig voneinander. Das, was wir heute in schamanischen Lehrgängen lernen, ist ein per se nicht existent, nämlich der Core-Schamanismus (Details, siehe Wikipedia). Was nicht bedeutet, dass der Core-Schamanismus schlecht wäre, nur hat es meiner Ansicht nach wenig Sinn, sich als Mensch, der in der Industriegesellschaft aufwuchs, mit aller Gewalt in den Amazonas oder in die sibirische Tundra zu schleppen, um dort die Lösung seiner Probleme zu suchen.
Ingerman versucht das zumindest in diesem Buch nicht, sie bleibt, wo sie und wir mit unseren Problemen sind. Wobei sie aber auch nicht zu sehr ins Details geht und Allgemeinplätze der Wohlstandsgesellschaft abhandelt, sondern allgemeiner fragt: Was tue ich gegen negative Energien, sowohl von innen als auch von außen? Worin liegen die möglichen Ursachen von Depression und Krankheit? Sie antwortet darauf eben nicht mit "Du musst deinen inneren Krieger stärken" (das wäre der "indigene Weg", vereinfacht ausgedrückt), sondern psychologisch, ergo für uns Westler nachvollziehbarer.
Das Buch besteht aus mehreren Kapiteln, wobei ein jedes mit Übungsfragen endet, mit welchen man sich beschäftigen kann oder auch nicht. Diese Fragen fand ich großteils gut, überlegenswert und hilfreich, viel besser etwa als jene, mit welchen Bernhard Moestl sein Buch "
Shaolin - Du musst nicht kämpfen, um zu siegen!: Mit der Kraft des Denkens zu Ruhe, Klarheit und innerer Stärke" überfrachtet. Was das Buch nicht bieten kann, und was der Untertitel fälschlich impliziert, ist die Selbstheilung der Seele. Dabei geht es um die Rückführung abgespaltener Seelenteile, die sicher kein unstudierter Laie selbst an sich vollziehen kann, dafür braucht es schon einen erfahrenen Heiler. Ebensowenig bietet das Buch eine Grundeinführung in Schamanismus, wer also noch nie etwas vom Reisen in die obere und untere Welt sowie von geistigen und Tierführern gehört hat, wird hier vermutlich etwas ratlos dastehen. Das Buch richtet sich also nicht an komplette Novizen, man sollte wenn möglich einige schamanische Grundbegriffe kennen, idealerweise auch schon selbst gereist sein.