Zygmund Rogalla, ein Teppichweber und Leiter eines masurischen Heimatmuseums in Schleswig-Holstein, erzählt seine Geschichte.
Soeben hat er "sein" Museum in Brand gesteckt, das er liebevoll im masurischen Lucknow (gemeint ist Lenz' Heimatstadt Lyck/Elk) aufgebaut und unter unvorstellbaren Mühen am Ende des Zweiten Weltkrieges nach Schleswig gerettet hatte -- das fordert natürlich zu Fragen auf. Diese Fragen stellt stellvertretend für die Leser ein Freund von Rogallas Tochter; er kommt im Roman nicht zu Wort, doch lassen sich seine Fragen anhand von Rogallas Antworten rekonstruieren. Und Rogalla steht rückhaltlos Rede und Antwort.
Diesen Romanaufbau, der die durchgängige Beibehaltung von Perspektive und Sprache nicht des Autors, sondern der erzählenden Figur verlangt, hat Lenz konsequent durchgezogen. Rogalla erzählt also in seiner Sprache von dem, was ihm wichtig war und ist. Und das ist, wie sich herausstellt, nicht die Verklärung der "alten Heimat", sondern er sucht auf seine Art die Wahrheit. Die Wahrheit wiederum wird für ihn repräsentiert von den "Zeugen": den Exponaten, die er in seinem Museum versammelt hat, ohne Ansehen ihrer Herkunft. Er liebte sie, weil sie einen bestimmten Teil des Lebens festhielten; wie ihm schien, für die Ewigkeit. Natürlich drückt Rogalla das in seinen eigenen Worten und seiner Sprache aus, und das macht nicht den geringsten Reiz dieses Buches aus.
Um die Bedeutung seiner "Zeugen" klarzumachen, muss Rogalla weit ausholen. Wenn er kontinuierlich seine Geschichte und damit die seiner Heimat von seiner Kindheit an, ab ca. 1910 an bis in die 1970er Jahre, rekapituliert, so erzählt er natürlich auch die Geschichte des kleinen Mannes, der die großen Ereignisse mal mehr, mal weniger beeinflussen konnte, sich dabei mehr oder weniger schuldig machte - und wird dadurch selbst zum Zeugen, der bezweifelt, ob Erinnerungen überhaupt objektiv sein können: "Sobald wir uns erinnern, stellen wir die Zusammenhänge neu her. Es ist jedesmal eine Parteinahme. Eine Aneignung auf neue Art. Aber versuch mal einer herauszubekommen, welch ein Wunsch sich dahinter verbirgt."
Während Rogalla, der von Kind auf mit den "Zeugen" verbunden war, sein Leben berichtet, wird immer klarer: Seine Zeitgenossen hatten anderes mit seinen Zeugen im Sinn. Da gibt es z.B. Nazi-Funktionäre, die "Artfremdes" aussortiert haben wollen; Rogalla kann sich hier noch mit Schließung des Museums und der unausgesprochenen Hoffnung auf andere Zeiten behelfen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wird er jedoch immer stärker zum Werkzeug von Vertriebenenfunktionären, die seine Ausstellungsstücke benutzen, um ihr eigenes Weltbild und die daraus resultierenden Forderungen zu untermauern . Am Ende bleibt ihm eben nur noch die Brandstiftung; immaterielle Zeugen sind frei.
Man kann "Heimatmuseum" jedoch noch auf eine weitere Art lesen, nämlich als eine Art Suleyken, das sein Autor mit hartem Griff in die "richtige", historische Geschichte versetzte. Fast alle Figuren im Roman, ob nun mit eher negativen oder eher positiven Zügen versehen, könnten einzeln für sich auch in den "Suleyken"-Geschichten vorkommen; man denke nur an Eugen Lawrenz und seinen unwiderstehlichen Bericht über die "Taufkrankheit" (gemeint ist die massive Eindeutschung slawisch oder litauisch klingender Ortsnamen 1938 -- auch dies ein Versuch der "Zeugenbeeinflussung"). Die Seelenverwandtschaft vieler Figuren im "Heimatmuseum" mit Hamilkar Schaß, Stanislaw Griegull und Adolf Abromeit führt hier aber nicht zum heiteren Ende: Aus dem "zeitlosen" Suleyken ins historische versetzt, enden sie im KZ, erfrieren oder ertrinken auf der Flucht -- oder sie werden zu Nazi-Funktionären und/oder engagieren sich in den Vertriebenenverbänden. Das paradiesische Suleyken bevölkern sie jedenfalls nicht mehr. -- In diesem Zusammenhang sollte man auch die Entwicklung des Conny Karrasch sehen, der zweiten Hauptfigur des Buches, der seit seiner Kindheit eine Art Gegenprogramm zu den anderen Protagonisten darstellt, eine realistisch gezeichnete, zunächst sympathische Figur, die man sich nie und nimmer in Suleyken vorstellen kann -- der Gegenpol, der Antipode schlechthin eben. Seine völlige Verwandlung nach dem Krieg in einen beinharten Vertriebenenfunktionär ist im Roman allerdings nichtso recht nachvollziehbar; das Ganze wirkt übers Knie gebrochen.
Wer weiß -- vielleicht wollte Siegfried Lenz mit diesem Roman auch sein wunderbares "Suleyken"-Buch (auch das ein "Zeuge" über das Leben) einer revanchistischen Lesart entziehen.