Die meisten Menschen mit denen der 1954 geborene Rezensent in der Schule und später auf der Universität und dann im Berufsleben zusammen kam, hatten das, was ihre Eltern oft rührselig als Heimat bezeichneten, so schnell sie nur konnten verlassen. Es gab andere wie der langjährige Freund, dem das nur schwer gelang, weil seine nach 1945 vertriebenen Eltern und Großeltern auch in der "neuen Heimat'" noch nach Jahrzehnten, nicht selten politisch rückwärtsgewandt und die umtriebigen Vertriebenenverbände unterstützend, den alten Zuständen nachtrauerten.
Als wir Anfang der siebziger Jahre als Theologiestudenten, uns dem Philosophen Ernst Bloch nähernd, von dem wir eine Ehrenrettung des Rebellischen innerhalb der Bibel erhofften, am Ende seines großen Werkes "Das Prinzip Hoffnung" folgendes Zitat lasen, sahen wir auch unsere eigene Herkunft und noch jugendliche Sehnsucht nach einem Platz in der Welt nicht weit von dort, wo wir geboren waren, rehabilitiert:
"Die Wurzel der Geschichte aber ist der arbeitende, schaffende, die Gegebenheiten umbildende und überholende Mensch. Hat er sich erfasst und das Seine ohne Entäußerung und Entfremdung in realer Demokratie begründet, so entsteht in der Welt etwas, das allen in die Kindheit schient und worin noch niemand war: Heimat."
In diesen Sätzen schien mir persönlich die Eschatologie einer durch Marx inspirierten Geschichtsphilosophie und die christliche Eschatologie bodenhaftig und weltlich versöhnt.
An wechselnden Orten mal mehr oder weniger heimisch konnte der Rezensent persönlich erleben, wie der Verlust von so etwas wie Heimat regelrecht krank machen kann, fühlte sich aber nach wie vor abgestoßen und ausgegrenzt durch eine Heimattümelei, wie sie nicht nur in den dörflichen Strukturen, in denen ich beruflich tätig war, zu spüren war, sondern bald auch in den ach so weltoffen daherkommenden Privatmedien.
Die Journalistin Verena Schmitt-Roschmann, die Autorin der vorliegenden Monographie zum Thema "Heimat" haben möglicherweise ähnliche Erfahrungen zu diesem Buch bewegt, mit dem sie sich auf eine "Neuentdeckung eines verpönten Gefühls" gemacht hat.
Nach einer Bestandsaufnahme im ersten Kapitel ("Heimat: Was ist das und wozu braucht man das im 21. Jahrhundert?") beschreibt sie detailliert die Geschichte und den Missbrauch des Heimatbegriffs in Deutschland von der Romantik über die NS-Zeit bis zu den Heimatvertriebenen.
Eine ganz besondere Aufmerksamkeit widmet sie den "Ossis" und dem Phänomen der "verlorenen Heimat DDR", bevor sie zu der größten innenpolitischen Herausforderung unserer Gesellschaft in den nächsten Jahrzehnten kommt, der "fremden Heimat Deutschland" der Integration von Millionen von Migranten in ein Gemeinwesen, das auch sie als Zuhause begreifen und anerkennen können.
Ein wichtiges Buch darüber, woran Menschen hängen, was sie in der Heimat hält und sie von dort wegzieht.