Die wenigen Ethnologen, die ich persönlich kenne, saßen während ihres Studiums meist auf Heizkörpern statt auf Stühlen, weil dieses Studium plötzlich so boomte. Zwar hat nicht zuletzt der Arbeitsmarkt dafür gesorgt, dass Zuspätkommende wieder einen Platz im Vorlesungssaal finden, aber was früher schlicht Völkerkunde hieß und sich lange Zeit mit eher exotischen Kulturen beschäftigte, zieht gerade wegen seiner Wandlung und Ausdehnung des Forschungsgebietes noch immer viele Studierende an. Und wie das Beispiel der jungen Ethnologin von den Seychellen zeigt, werden unsere Verhaltensweisen und kulturellen Eigenarten nun ebenfalls zum Objekt.
Da ich mich während des Germanistikstudiums intensiv mit der Sprachwissenschaft beschäftigte, sind mir viele der in diesem Buch aufgezeigten Irrtümer bestens bekannt. Einige vertrat ich sogar ebenso inbrünstig wie die wissenschaftlichen Größen, die sie in die Welt setzten. Und so war ich eben bis vor wenigen Jahre der Meinung, die Hopi-Indianer hätten keinen Zeitbegriff und glaubten nicht an einen linearen Zeitstrahl. Ich erzählte anderen, die Eskimos hätten über achtzig Begriffe für Schnee, die romantische Liebe sei eine Erfindung des späten Mittelalters, der Mensch sei grundsätzlich gut und irgendwo auf dieser Welt gäbe es Stämme, die wegen ihrer Isolation fast alles richtig machen und uns als Vorbild dienen könnten. Wer sich solche Bilder bestätigen lassen will, wird von Christoph Antweiler bitter enttäuscht sein.
Freuen dürfen sich hingegen all jene Leser, die an spannenden Wissenschaftsberichten interessiert sind und entdecken wollen, was allen Menschen auf dieser Welt gemeinsam ist. Das ist in gewissen Bereichen zwar weniger, als wir uns erhoffen, aber immer noch genug, um die Gattung Mensch auch in einer globalisierten Welt überleben zu lassen. Um das Verbindende der verschiedenen Kulturen herauszuarbeiten, muss sich zum Glück auch Christoph Antweiler mit den Unterschieden auseinandersetzen. Denn so merkwürdig und exotisch der kreolischen Frau von den Seychellen die Vorbereitungen auf den religiösen Initiationsritus Konfirmation vorkommen muss, so fremd und interessant finden wir es, wenn Eipo-Männer ihre Penisse in Köcher stecken, die fast einen Meter lang sein können. Christoph Antweiler weist mit seinen Beispielen und Einblicken in seine Arbeitsweise immer wieder klar darauf hin, dass unsere Vorstellungen ethnologischer Feldforschung allzu romantisch sind. Wer sich dieser Wissenschaft verschreibt und es heute zu etwas bringen will, muss nebst Neugier, einer guten Beobachtungsgabe und Offenheit auch viel Geduld mitbringen, Daten zusammentragen und voreilige Schlüsse vermeiden. Irrtümer, die sich hartnäckig halten, basieren nämlich auf Arbeitsweisen, die bei Ethnologen der Gegenwart nur noch Kopfschütteln auslösen. Schade, dass der Autor der Entstehung von Wissenschaftsmythen kein eigenes Kapitel gewidmet hat. Und bedauert habe ich auch, dass nebst kommentierten Büchertipps kein Literaturverzeichnis traditioneller Art im Anhang zu finden ist. Denn gerade bei Autoren, die mit ihren Werken wesentlich dazu beitrugen, wissenschaftliche Irrtümer zu entlarven, hätte ich jeweils gerne Quellenangaben. Gewünscht hätte ich mir zudem, ein Sachregister oder ein Inhaltsverzeichnis, aus dem die besprochenen Gemeinsamkeiten klarer hervorgehen würden.
Mein Fazit: Ein Buch, das ich trotz einiger editorischer Schwachstellen mit Überzeugung weiterempfehle. Denn es gibt einen guten Einblick in die Arbeitsweise von Ethnologen des 21. Jahrhunderts, räumt mit hartnäckigen Irrtümern auf und ist für Laien ohne Probleme verständlich, meist sogar unterhaltsam und auf jeden Fall interessant.