"Die zweite Heimat" ist für mich die wohl berührendste, tiefgreifendste Leseerfahrung meines Lebens gewesen. Als ich mit diesen 13 Folgen voller Kunst, Lieben und Leid zu Ende war, war da ein Vakuum, das ich mit "Heimat 3" zu füllen suchte. Diesmal sind es sechs Filme (und somit genauso viele Drehbuchteile) geworden, doch auf halb so viel Raum gelingt es Reitz erneut, ein in keinerlei Hinsicht überfrachtetes Zeitbild zu liefern - diesmal der Mauerfall, die langsame Annäherung von Ost und West, wobei sicherlich Thomas Brussig als Co-Autor vor allem für die DDR-Charaktere verantwortlich zeichnet. H. und C. sind nun endlich ein Paar, und der Zufall will, dass sie ein Haus in der Nähe von Schabbach beziehen. Zurück in die Heimat - ein Rückschritt? Wie der zwiespältige Begriff "Heimat" und das, was es für jeden bedeuten kann, an den Protagonisten gezeigt wird, ohne dabei jemals zu theoretisieren, das rechtfertigt den Titel allemal. Die Kunst spielt hier wieder eine besondere Rolle. Waren es in den 60ern noch Musik und Film, so geht es diesmal um Malerei und Musik - in dieser Reihenfolge (gemeint ist die Sammlung von Bruder Ernst in der Höhle), doch genau genommen handelt es sich bei "Heimat 3" um ein Familiendrama mit allem, was dazu gehört. Da wäre der Familienpatriarch und sein ungeliebter Sohn Hartmut, der gerne schnelle Autos fährt und sich in eine Russlanddeutsche verliebt. Dann der schon genannte Ernst, ein Sportflieger, der für zwei Jahre in Russland verschwindet. Weiterhin ein paar Ostdeutsche wie aus dem Buche, und trotzdem so komplex und widersprüchlich gezeichnet, dass man an keine Stelle kommt, wo das Klischee sich breit machen würde. Die Grundsanierung des Günderrode-Hauses wird in der ersten Folge etwas zu breit ausgewalzt, aber sonst gibt es keinerlei Schwächen. Wieder handelt es sich um eine literarisches Drehbuch, wunderbar zu lesen, und es gibt da derart spannende Momente (Folge 5!), so großartig zugespitzte Ereignisse, die niemals wie reguläre Drehbucheinfälle wirken. "Heimat 3" ist bei weitem dramatischer, mit Wendungen und Entwicklungen über einen Zeitraum von zehn Jahren, die nur hochtalentierten Autoren einfallen können. Man lernt die Simons so gut kennen, dass man sich fragen muss, warum das anderen TV-Autoren derart selten gelingt. Die Familie zerfällt, das war abzusehen, und somit auch das, was für viele ihre Heimat war. Es ist unglaublich, was Reitz und Brussig alles in diese Geschichte packen, ohne dass sie ausfranst. Die Hoffnung der DDR-Bürger, ihr Scheitern, ihr Anpassungsverhalten, die Angst der 30-jährigen nach der Jahrtausendwende vor der beruflichen und emotionalen Zukunft, die mangelnde Beziehungsqualität unter arrivierten Künstlern, der Vater-Sohn-Konflikt (Anton und Hartmut), das Verhältnis von Scheidungskindern zu ihren Vätern (Lulu und Hermann) - man könnte lange so weiter machen. Die Dialoge gehören wieder einmal zum Besten, was man sich auf Fernsehschirmen vorstellen kann (auch in Buchform). Als ich auf der letzten Seite angekommen war, hatte ich Tränen in den Augen - so wie Lulu. Denn "Heimat 3" war unwiederruflich zu Ende gegangen. Eine Fortsetzung könnte nur im Altersheim spielen. Die schönen Zeiten sind vorbei.