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5.0 von 5 Sternen
Sehr lebensnah, 24. Oktober 2004
Rezension bezieht sich auf: Heilung. Von der Medizin zur Meditation (Broschiert)
Es gibt sicher einiges, bei dem ich anderer Meinung als Osho bin, schlicht, weil ich es anders erlebe als er. Sei es im täglichen Leben, in der Meditation oder im Kontakt mit der Geistigen Welt. Auf vielen Gebieten ist Osho zwar brillant und hochgradig bewußt. Aber auf anderen Gebieten ist er wiederum unreflektiert, voreingenommen oder im Grunde unerfahren. Seine Vorträge über Frauen, Beziehungen und Familie finde ich zum Beispiel teilweise sehr seltsam und negativ. Irgendwie habe ich das Gefühl, daß die eigene schwierige Lebensgeschichte Oshos Blick bei bestimmten Themen doch stark trübt. Mehr als ihm lieb gewesen sein mag.
Was mich noch enttäuscht: Obwohl er so viel meditiert hat, sind seine Kenntnisse über Reinkarnation, das Jenseits, Geistführer etc ganz schön dürftig. Da habe ich mir mehr erwartet. Auch sein Leben als Guru ist mir nicht eben sympathisch. Allerdings stammt Osho aus Indien, und dort mag das anders wirken als auf einen Europäer. Apropos Europäer. Seine Sicht vom "Westen" ist mir ebenfalls zu einseitig und abwertend. Man merkt, daß er "den Westen" hauptsächlich aus Büchern bzw vom Hörensagen kannte.
Trotzdem liebe ich Oshos Bücher. Besser gesagt seine Reden. Denn Osho hat selbst nie ein Buch geschrieben. So ist auch das vorliegende Buch eine Auswahl spontaner Vorträge, die Osho regelmäßig vor versammelter Zuhörerschaft aus aller Welt abgehalten hat. Es sind ausführliche Antworten auf Fragen seiner Sannyasins und anderer, die über einen Zeitraum von 20 Jahren zum Thema Heilung und Gesundheit zusammengetragen wurden. Daraus entstand eins der besten Osho Bücher, wie ich finde. Es ist ein wenig persönlicher, direkter und lebensnaher als die meisten anderen.
Was die Meditation betrifft, sie ist verbal allgegenwärtig in Oshos Büchern. Bleibt aber stets irgendwie abstrakt. Komischerweise ist gerade Meditation etwas, das Osho einem gar nicht so gut nahebringen kann. Geschmäcker sind natürlich verschieden, aber mich hätte Osho mit seinen Vorträgen bzw seinen Meditationstechniken nicht zum Meditieren gebracht, denn ich finde seine spärlichen Erfahrungsberichte dazu ziemlich langweilig. Dabei ist Meditation wirklich ein fesselndes Abenteuer, in dem anders als man bei der Osho Lektüre meinen könnte, sehr viel "passiert". Zum Thema Meditation gibt es ehrlichgesagt bessere und spannendere Literatur.
Oshos Stärke liegt eigentlich ganz woanders. Nicht in Erzählungen über geistige Sphären sondern in der glasklaren Beobachtung weltlicher Belange. Natürlich ist diese Klarheit bei ihm das Resultat von jahrzehntelanger Meditation und Bewußtwerdung. Aber der Weg zu seinem höheren Bewußtsein, das, was sich hinter verschlossenen Türen in ihm abspielte, wenn er allein war, bleibt bei Osho leider nebulös. Es sind mehr die Folgeerscheinungen von Meditation, über die wir bei ihm erfahren und womit er bereits Tausende faszinierte. Oshos Vorträge über das Leben, den Menschen und die Gesellschaft sind mit einigen Abstrichen wirklich genial. Ob es nun um Politik, Religionen, Wirtschaft, Psychologie, Gesundheit, Körper, Tod, Geist, Liebe, Sexualität, Erziehung, Konventionen, Konditionierungen, Ängste, Neurosen, Arbeit, Geld, Philosophie, Geschichte u.a. geht. Die Texte sind immer berührend, egal, wie man selbst zum jeweiligen Thema steht. Das liegt nicht zuletzt aber auch an Oshos großem rhetorischen Talent, am flüssigen, unkomplizierten, humorvollen Stil.
Osho bringt mich oft zum Lachen. Und wenn ich mich nicht gut fühle, dann lese ich ein paar Seiten in seinen Büchern und schon geht es mir wundersamerweise besser. Ich fühle mich durch seine Bücher zentrierter, denn er lenkt mein Augenmerk zurück zum Wesentlichen im Leben, wenn ich zerstreut bin. Eigentlich sind viele Themen, über die er spricht, ja recht ernst oder trocken. Aber nicht bei ihm. Er hat bei allem eine Leichtigkeit, die einen mitreißt und einem ein gutes Gefühl gibt. Warum kann er das? Ich denke, weil er dank seiner gesteigerten Bewußtheit meistens ein Beobachter bleiben kann. Gerade diese Fähigkeit, das Leben nicht zu ernst zu nehmen, es zu genießen und voll auszukosten, all die Lebensfreude, die Osho ausstrahlt, ist ganz besonders an ihm. Und deshalb, trotz der Dinge, die ich an ihm nicht mag, ist mir Osho ans Herz gewachsen und zu einem Wegbegleiter geworden, den ich nicht mehr missen möchte.
Das Buch "Heilung" ist in 17 Kapitel unterteilt:
1 - Was ist Gesundheit?
2 - Verschiedene Zweige der Medizin
3 - Denken, Körper und Gesundheit
4 - Spannung, Streß, Depression
5 - Die Einstellung zur Krankheit
6 - Therapie, Therapeut und Heiler
7 - Körperarbeit
8 - Funktionen des Körpers
9 - Ernährung
10 - Sucht
11 - Altern
12 - Tod, Euthanasie, Selbstmord
13 - Aids
14 - Esoterik
15 - Gesundheit und Erleuchtung
16 - Zukunftsperspektiven
17 - Lachen und Gesundheit
Osho gibt darin Antworten auf Fragen wie:
Was bedeutet es deinem Verständnis nach, wirklich gesund zu sein?
Kannst du noch mehr über die Akupunktur sagen?
Wie siehst du die Schulzmedizin im Vergleich zu alternativem Heilwesen?
Kannst du bitte über den Schmerz und unsere Identifikation mit ihm sprechen?
Könntest du bitte etwas über das Leiden sagen?
Was ist deine Erkenntnis über die Ursache von Krebs?
Besteht ein Zusammenhang zwischen Sex und Kopfschmerzen beziehungsweise Migräne?
Manchmal habe ich Angst verrückt zu werden. Kannst du bitte etwas dazu sagen?
Ich bin Psychiater. Kann Meditation mir bei der Arbeit mit meinen Patienten helfen?
Was genau ist die Funktion eines Heilers?
Würdest du etwas über die Kunst der Massage sagen?
Findest du, daß die Bioenergetik für mich der richtige Einstieg ist, um an mir selbst zu arbeiten?
Wie funktioniert T'ai Chi?
Kann Meditation helfen, die Fähigkeit zum Einschlafen wiederzuerlangen, und welche Beziehung besteht zwischen Schlaf und Meditation?
Ich habe immer wieder Zeiten, in denen ich mich negativ fühle. Was passiert mit uns, wenn wir uns in diesem Zustand befinden?
Warum fühle ich mich immer so destruktiv, wenn ich meine Periode habe?
Ich habe gehört, wie du die Siebenjahreszyklen im Leben eines Menschen erwähnt hast. Welche Bedeutung haben diese Zyklen?
Kannst du über Sex und Gesundheit sprechen?
Kannst du über den Zusammenhang zwischen Ernährung und Körper reden?
Welche Beziehung besteht zwischen dem Essen und unseren Emotionen?
Ich bin ein zwanghafter Zuvielesser. Hast du nicht ein paar Ratschläge für mich?
Was ist die Grundursache für Sucht, jeglicher Sucht?
Kann ein Kettenraucher meditativ werden? Ich rauche seit fünfundzwanzig Jahren und habe das Gefühl, daß durch das Rauchen meine Meditation nicht so tief geht. Trotzdem kann ich das Rauchen nicht aufgeben. Kannst du mir etwas dazu sagen?
Kann man LSD als Hilfe für die Meditation benutzen?
Könntest du über die Freuden des Älterwerdens reden?
Was ist ein natürlicher Tod?
Ein Freund von mir hat vor einiger Zeit Selbstmord begangen, und ich habe sehr starke Emotionen deswegen. Er war Sannyasin, und ich habe das Gefühl, du hast ihn nicht beschützt.
Was ist der Unterschied zwischen Irrsinn und Erleuchtung?
Wenn der Glaube Berge versetzen kann, wieso kannst du dann nicht deinen Körper heilen?
Siehst du die Experimente mit menschlichem Leben, wie die künstliche Geburt und den Ersatz von Herzen und Gehirnen, als Fortschritt oder als Eingriff in die Natur?
... ...
Fazit: Sie müssen weder meditieren noch Oshos Meinungen oder Lebensstil teilen, um ihn und seine Bücher zu mögen. Osho war ein bedingungsloser Freigeist, der ohnehin wollte, daß jeder seine eigenen Erfahrungen macht. Er mochte nichtmal zitiert werden. Ich kann aber nicht behaupten, Sie hätten nichts zu verlieren, wenn sie Oshos Bücher kaufen. Denn die Chancen stehen gut, daß Sie das werden. Konditionierungen, Konventionen, Ängste, Erstarrtheit. Alles mögliche können Sie verlieren. Ja, und manches, das Sie lesen, wird Sie vielleicht auch wütend machen. Denn Osho provoziert ganz gern. Doch können Sie auch gewinnen. Ein paar gute Lacher, Lebensfreude, diese und jene Selbsterkenntnis, mehr Authentizität, ein Interesse für Meditation. Wer weiß. Was Osho betrifft, so ist und bleibt es ein Lesen auf eigene Gefahr.
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