Norman Mailer schrieb mit 25 Jahren nach seinen Erfahrungen als Soldat im II. Weltkrieg das Anti-Kriegsbuch, das seinen Weltruhm begründete: "Die Nackten und die Toten". Er blieb immer der unbequeme Kritiker der US-amerikanischen Politik, vor allem des Vietnam-Krieges. Aber so wütend wie mit seinen heute 80 Jahren in seinem neuesten Buch "Why Are We at War?" (Dt.: "Heiliger Krieg: Amerikas Kreuzzug") war er noch nie. Er zeichnet ein Bild der USA als faschistoider Supermacht, an der Spitze imperialistische Kräfte mit einem ferngesteuerten Ex-Trinker als nie gewähltem Präsidenten. Die Polemik Mailers ergänzt sich gut mit köstlich ironischen Passagen. Mailer warnt vor dem Verlust der Werte von Freiheit, Humanismus und Demokratie, die für ihn ursprünglich Amerika ausmachten. Hier sind für mich auch die Grenzen dieses Buches: Die USA wurden im 18. Jahrhundert auf Grundlage einer damals fortschrittlichen Verfassung und im Kampf gegen Feudalismus und Kolonialismus gegründet. Aber schon im 19. Jahrhundert stiegen die USA selbst zu einer imperialistischen Macht auf. Die ursprünglichen Ideale wurden zu der heuchlerischen Phrase, die Mailer jetzt bei Bush so köstlich karikiert. Aber zurückholen kann man diese Werte nicht mehr. Mailer erkennt, dass der Krieg gegen den Irak erst der Anfang eines geplanten Kreuzzuges gegen die Völker der Welt ist. Aber er greift wohl zu kurz, wenn es die Ursache in einer finsteren Verschwörung von Machtfanatikern sieht. Ich empfehle als Ergänzung des Bändchens von Mailer das neue Buch von Stefan Engel: "Götterdämmerung über der 'neuen Weltordnung'". Hier wird die globale Neuordnung der kapitalistischen Wirtschaft einer exakten Analyse unterzogen und man begreift plötzlich, warum gerade jetzt ein solcher "Kreuzzug" der USA gestartet wird. Mailer greift für seine Kampfschrift auf seine Interviews, Essays und Reden der letzten Zeit zurück. Heraus kommt ein lesenswertes Buch, das mit 12,90 Euro für gut 100 Seiten nicht billig ist, und für das ich den Begriff "Manifest" etwas zu hoch gegriffen finde. Denn dazu würde für mich auch eine positive Antwort gehören, die ich aber eher bei Stefan Engel als Bei Norman Mailer gefunden habe. Meine Empfehlung: Mailer auf englich lesen ("Why are we at War?"), für gut den halben Preis und das gesparte Geld für den Kauf des Buches von Stefan Engel verwenden, das mit seinen fast 600 Seiten sein Geld dreimal wert ist.