Gleich als Erstes möchte ich vorausschicken, dass dies bereits der 3. Teil der Samper-Reihe ist, daher wäre es von Vorteil die vorgehenden Bücher
Kochen mit Fernet-Branca: Roman und
Einarmsegeln mit Millie: Roman zuerst zu lesen, zum Verständnis der Geschichte ist dies jedoch nicht zwingend notwendig.
Der 50jährige Gerald Samper ist gebürtiger Brite mit Wahlheimat Toskana, von Beruf Ghostwriter und Hobbykoch - Letzteres mit einer exzessiven Leidenschaft. So sieht z.B. ein "originelles Hors d'oevre" aus, das er für seine Gastgeber in Suffolk kocht: Feldmaus-Haschee in Blätterteighülle, Kumbrisches Lamm mit Schokoladenstückchen und Minze, Lebersmoothie mit Limette, Basilikum und Liebesperlen und Bruschette mit Schellfischmarmelade bestrichen. Na, läuft einem da nicht das Wasser im Munde zusammen? Leider entpuppt sich das Feldmaus-Haschee, mit dem sich Gerry besonders viel Mühe gab, als unfreiwillig toxisch angereichertes Brechmittel, das einem der Gäste sogar das Leben kostet (zugegeben, ein Tattergreis mit schwachem Herzen), alle anderen kommen nach einer Nacht im Krankenhaus mit dem Schrecken davon. Es wird dringend geraten, die in diesem Buch vorkommenden eigenwilligen Rezeptkreationen nicht nachzukochen, die Folgen sind nicht absehbar! :-)
Bei einem Erdrutsch ist Gerrys Heim in der Toskana mit seinem gesamten Hab und Gut draufgegangen. Nach einem kurzen Gastspiel, inklusive vorgenanntem Kochdesaster, im Haus des weltberühmten Dirigenten Max Christ in Suffolk, zieht es Gerry wieder zurück nach Italien. Dort sieht er sich mit einem sonderbaren Dianakult konfrontiert. Angeblich soll die "Heilige Diana", zu Lebzeiten Prinzessin von Wales, Gerry und seine Gäste an jenem Abend kurz vor dem Unglück gewarnt haben. Nur dieser wundersamen Erscheinung hätten alle ihr Leben zu verdanken. Heerscharen von Pilger ziehen auf und nicht nur Gerry wittert bei der Sache eine unversiegbare Geldquelle. Mit nicht ganz so sauberen Mitteln versucht nun jeder sein Schäflein ins Trockene zu bringen: der korrupte Bürgermeister, ein gerissener Immobilienmakler oder Gerrys Ex-Nachbarin Marta. Samper, der sich schon immer zu Höherem berufen fühlte, entspinnt aus dem Dianawahnsinn die glorreiche Idee, zusammen mit Marta, die glücklicherweise von Beruf Komponistin ist, eine Oper über die Prinzessin zu schreiben. Deren Premiere wird mit dem Auftauchen eines dubiosen Pinguins zu einem derart spektakulären Ereignis, das wohl keiner der Anwesenden so schnell vergessen wird.
Dem britischen Autor James Hamilton-Paterson ist mit Gerald Samper eine außergewöhnliche Figur gelungen, die man entweder liebt oder hasst, ich denke ein Mittelding wird es für den Leser kaum geben. Er ist anstrengend, exzentrisch, sarkastisch, egozentrisch, snobistisch und maßlos von sich selbst überzeugt - eben eine richtige Landplage für seine Mitmenschen. Aber er ist auch ein Garant für herrlich abstruse Situationen, schräge Dialoge und dicke Schlamassel, die uns ein saukomisches Lesevergnügen bereiten, bei dem man Tränen lacht.
Ein guter Kontrast zu Sampers eigener Sichtweise bilden die Zwischenkapitel, in E-Mailform geschrieben von Gerrys Lover Adrian an seine Kollegin Penny. So kann sich jeder mittels der beiden Perspektiven sein eigenes Bild der Geschehnisse zurechtzimmern. An der Stelle sei noch erwähnt, dass das Liebesleben unseres Helden zu einem kaum existenten Teil der Handlung reduziert ist, was ich außerordentlich bedauere.
Fazit: Für Freunde des intelligenten, britischen schwarzen Humors. Jeder Satz ist ein schlagkräftiges Wurfgeschoss auf die Lachmuskeln. Doch Achtung, der Roman ist auf hohem sprachlichem Niveau geschrieben. Eine höchst amüsante, aber keineswegs leichte Lektüre.
(Diese Rezension wurde von mir ursprünglich zur gebundenen Ausgabe am 26.09.2009 verfaßt.)