Das Album "Heilige Lieder", das kurz nach seiner Veröffentlichung 1992 auf Platz 5 der deutschen Charts einstieg und dadurch für großen Wirbel sorgte, ist das vielleicht außergewöhnlichste Album der "fantastischen Vier aus Frankfurt". Die Texte, die Frontmann Stephan Weidner (Bass) komplett in Mexico schrieb, sind inspiriert von Schriftstellern wie Carlos Castaneda, Tom Robbins und Nika Beheshti. Außerdem spiegeln sie die damalige Lage der Band, die von Presseattacken, Konzertverboten und Drogenproblemen geprägt war, sinnbildlich und mit klaren Worten wider. Aber nicht nur die Texte sondern auch die Melodien sind vielseitiger als gewohnt. Standen die früheren Werke der Onkelz weitestgehend im Zeichen des klassischen Hardrocks und nur wenige langsame Stücke beinhalteten, so sind auf der "Heilige Lieder" gleich mehrere solcher Songs vertreten. So z.B. Track Nummer 5, "Ich bin in dir", welcher auch auf der gleichnamigen Single-Auskopplung zu hören ist. Die Melodie hat einen sehr eingängigen, gefühlvollen Rhythmus, der von den genialen Gitarrenklängen Gonzos getragen wird und mit Solos gespickt ist. Der Text spricht den Hörer direkt an und fordert zur Hinterfragung bestehender Meinungen bezüglich der Band auf ("Weißt Du wirklich wer ich bin, wie ich denke, wie ich fühle?") und offenbart anschließend etwas vom Seelenleben der Onkelz. Kevins ansonsten eher sehr rauhe Stimme klingt hier außergewöhnlich melodisch. Ähnlich tiefgründig ist Song Nr. 7 "Diese Lieder...", welches von der Beziehung zwischen Band und Fans handelt. Das besondere an diesem Lied ist ein eingeschobenes Break, in dem Stephan im Sprechgesang einige Passagen aus C. Castanedas "Die Lehren des Don Juan - Ein Yaki-Weg des Wissens" zitiert. Eine weitere eindrucksvolle Ballade heißt "Ein langer Weg" (Track 11). Dieses Stück ist eine Auseinandersetzung mit der Vorgeschichte der Band, ihrer Entwicklung und den verschiedenen Emotionen, die das Faszinosum Böhse Onkelz bei den Hörern auslöst ("Wer hat nicht schon von uns gehört, ob er wollte oder nicht, den Namen der so viele stört, doch alle Herzen bricht..."), wie sie besser nicht hätte sein können. Der Song des Albums, der mich persönlich am meisten bewegt, ist "Der Schrei nach Freiheit" (Track 13). Er drückt auf unvergleichliche Weise Gefühle, Sehnsüchte und Träume des Texters Stephan Weidners aus, in denen man (zumindest ich) die eigenen leicht wiederfinden kann. Dieses Lied kann ich mir immer wieder anhören, ohne dass es auch nur ein Körnchen seines Reizes verliert. Textlich das beste, was ich bis heute von der Band gehört habe.
Auch wenn es bis jetzt vielleicht den Eindruck erweckt hat, kommen mit diesem Album nicht nur die Freunde langsamer Onkelz-Lieder auf ihre Kosten. Ganz im Gegenteil: Mit "Scheißegal", "Gehasst, verdammt, vergöttert" und "Heilige Lieder", dem Titelstück, sind drei echte Kracher und Klassiker vertreten, in denen unter anderem auch die Presse ordentlich ihr Fett abbekommt. Auch "Gestern war heute noch morgen" (Nr. 8) und "Wir schreiben Geschichte" (Nr. 15) sind textlich wie musikalisch hervorragend. Ersteres handelt von der individuellen Einstellung und Motivation der Band, letzteres nimmt sich in onkelztypisch sarkastischer Weise die niederen Werte unserer Gesellschaft, die in jedem von uns leben, zur Brust ("Mein Name ist Zweifel, ist Gier ist die Lüge. Ich bin auch in dir, sieh wie ich mich vergnüge!").
Alles in allem ein rundum mehr als gelungenes Album der Böhsen Onkelz, bei dem kein Fan zu kurz kommt. Aber nicht nur eingefleischte Fans wird diese LP begeistern, auch für die, die sich bis dato noch kein differenziertes Bild dieser Band machen konnten, ist die "Heilige Lieder" absolut zu empfehlen.