Titel, Klappentexte und alle vorliegenden Rezensionen lassen harte Kritik am „Irrsinn der Kreuzzüge" erwarten. Waren es doch die barbarischen Christen, die zwischen 1096 und 1291 den friedlichen, hochkultivierten Orient überfielen und so die Saat für den bis heute dauernden Hass vieler Moslems gegen den Westen legten. Das entspricht dem politisch korrekten Mainstream-Denken unserer Zeit. In diesem Buch wird erst einmal großzügig übergangen, dass der Islam seit ca. 638 aggressive Eroberungs- und Bekehrungskriege gegen asiatische Völker, Byzanz und die spanischen Königreiche führte. Ende des 11. Jahrhunderts holte das christliche Europa jedoch zum Gegenschlag aus. „Reconquista" nannte man den Krieg im Westen, als „Kreuzzug" bezeichnete man die Offensive im Osten. Erst hier beginnt das Buch von Amin Maalouf. Wer nun eine anklagende Aufzählung christlicher Verbrechen im Orient erwartet, wird enttäuscht. Die Untaten werden genannt, die Erfolge aber auch respektvoll kommentiert. Sehr schnell konzentriert sich Maalouf detailreich auf die Analyse der islamischen Niederlagen. Vielschichtig zeigt er die Zerrissenheit der islamischen Völker auf, klagt Feigheit, Verrat und Schwäche ihrer Führer an. Er beleuchtet das gespannte Verhältnis zwischen Arabern und Türken (die sich bis heute nicht grün sind). Mit Staunen liest man, dass der Frankeneinfall ganz selbstverständlich als Versuch des Christentums gesehen wurde, zuvor vom Islam mit Gewalt eroberte Gebiete zurückzuholen. Geschickt entwirrt Maalouf seltsame Koalitionen, verwandtschaftliche Verbindungen und diplomatische Rochaden. Er zeigt auf, dass friedliche und respektvolle Koexistenz zwischen Moslems, Christen und Juden möglich war und ein Schwerpunkt der kriegerischen Auseinandersetzungen jener Zeit in den innerislamischen Machtkämpfen lag. Ob Amin Maalouf als libanesischer, in Paris lebender Christ die vorherrschende Meinung der heutigen Araber zu diesem Thema realitätsnah wiedergibt, bleibt trotzdem fraglich. Durch seine intensive Quellenarbeit eröffnet er dem Leser jedoch eine Vielzahl interessanter Informationen und Aspekte. Das Buch ist gut strukturiert, in sechs wichtige Zeitabschnitte aufgeteilt und spannend zu lesen. Die Übersetzung aus dem Französischen von Sigrid Kester ist geglückt. Das Buch ist weitgehend ordentlich redigiert, an ein paar Stellen werden jedoch arabische Namen verwechselt, man muss also beim Lesen mitdenken. Obwohl relativ frisch aufgelegt ist das Werk in alter Rechtschreibung gehalten, die Fehlerquote ist gering. Fazit: ein lesenswertes Buch.