Blüchel tut genau das, was ich von einem Journalisten erwarte. Er recherchiert, deckt für die Allgemeinheit wissenswerte Mißstände auf und bringt sie an die Öffentlichkeit. Wenn wieder Mal die Mediziner und das Gesundheitssystem in der Kritik stehen betrifft das uns alle, ob wir uns dafür interessieren oder nicht. Die Fülle von Fakten, Berichten und Fallbeispielen lassen durchaus den Schluss zu, daß das Wohl von Patienten manchen Behandlungspraktiken zu weichen hat, denen sich Ärzte freiwillig unterwerfen, ohne jemals den Sinn hinterfragt zu haben. Die Krebsmedizin ist das beste Beispiel dafür, dass in der Medizin ein einmal losgefahrener Zug um jeden Preis am Fahren gehalten wird, selbst wenn er sich offensichtlich in die falsche Richtung bewegt. Wird den Medizinstudenten und Ärzten zuviel abverlangt, wenn man sie mit den wahren Gegebenheiten der deutschen Medizingeschichte konfrontiert? Selbst wenn einem als interessierten Laien der Stoff teilweise etwas trocken erscheinen mag hat Blüchel hier ganze Arbeit geleistet.Als Ergänzung zur stark geschönten Fassung der Univorlesungen zur Medizingeschichte, sind seine unbequemen Fakten bestens geeignet. Es ist eben leider kein Witz, dass bei zehn Ärzten zehn verschiedene Diagnosen und Behandlungsvorschläge herauskommen. Deswegen kann es, nicht zuletzt nach Blüchels Erkenntnissen, von Patientenseite als grob fahrlässig bezeichnet werden, sich nur auf eine ärztliche Meinung zu verlassen. Warum sollen wir Patienten nicht aus den Behandlungsfehlern lernen, die andere vor uns erleiden mußten? Wir medizinische Laien tragen die Verantwortung für unsere Gesundheit und sonst niemand. Nur weil wir diese Verantwortung bequemerweise an die Mediziner abgetreten hatten, konnte sich dieser Wissenschafts- und Ärztekult gepaart mit blindem Vertrauen entwickeln. Dieser Vertrauenskredit, auf dem sich die Ärzteschaft jahrzehntelang ausruhen konnte, wurde aber maßlos überzogen. Ein Berufsstand, der wie kein anderer sich die Aura von Absolutheit und Unfehlbarkeit zunutze gemacht hat, soll jetzt nicht jammern, wenn die Messlatte der Kritik entspechend hoch angesetzt wird. Vor jeder OP unterschreiben und bestätigen wir den Ärzten jedesmal aufs Neue, wie relativ die Qualität ärztlicher Behandlungskunst tatsächlich ist. Wenn Ärzte verlernt haben, ihr Handeln kritisch zu hinterfragen bzw. mit Kritik umzugehen, Fehler einzugestehen und sich der Relativität des eigenen Wissens bewußt zu sein, dann wird es höchste Zeit, dass wir Patienten ihnen den Sockel unter den Füßen wegziehen, auf dem sie immer noch unberechtigterweise stehen.Blüchels Informationssammlung zur deutschen Medizingeschichte und unzähliger vermeidbarer Behandlungsfehler ist ein weiterer unverzichtbarer Schuss vor den Bug des zur Selbstgefälligkeit und Arroganz mutierten deutschen Medizindampfers.