DIE AKTE WHITECHAPEL ist ein Deduktionsspiel, in welchem es thematisch um die Jack The Ripper Morde aus dem Jahr 1888 geht.
Die Aufmachung ist meiner Ansicht nach exzellent - sowohl der Spielplan wie auch die Komponenten sind in sehr stimmigen "Gaslicht-Jack-The-Ripper" Flair designt (teilweise sogar mit authentischen Fotos der Ermittler), die übersichtliche Anleitung ist sehr gut geschrieben, Fragen und Unklarheiten waren auch beim ersten Spiel keine vorhanden. Die Regeln sind jederman schnell erklärt, die Mechanismen gradlinig und das Spiel sehr zügig... und trotz allem ist DIE AKTE WHITECHAPEL ein durchaus komplexes Spiel, dessen einfache Regeln eine große Bandbreite von Vorgehensweisen für beide Seiten zulassen!
Schon beim Betrachten des Spielplanes wird eines sofort klar: ein großer alter Herr unter den Deduktionsspielen, das altbewährte "Scotland Yard" (Spiel Des Jahres 1983) stand hier Pate, und das Grundprinzip von DIE AKTE WHITECHAPEL ist jedem, der diesen Klassiker kennt, rasch erklärt. Allerdings: DIE AKTE WHITECHAPEL hat dieses erprobte System massiv erweitert und um viele neue Ideen bereichert.
Grundsätzlich läuft das Spiel ziemlich gradlinig ab: ein Spieler spielt Jack The Ripper, die anderen Spieler verkörpern die Ermittler, welche ihn jagen und zur Strecke bringen sollen. Jack The Ripper gewinnt, wenn er es schafft, 5 Morde zu begehen und jeweils nach jedem Mord in sein Versteck zurückzukehren. Im Gegensatz zu den ihn jagenden Polizisten zieht der Ripper versteckt über den Spielplan, welcher das Straßengewirr von Whitechapel zeigt.
Jack war wie geschrieben erfolgreich, wenn er nach den jeweiligen Morden (den "canonical five" der Ripperopfer) hintereinander vom Tatort sicher in sein vorher bestimmtes und im ganzen Spiel gleichbleibendes Versteck gelangen kann. Anders als z.B. bei "Scotland Yard" zieht der Ripper also nicht einfach nur planlos über das Feld, sondern er muss immer wieder einen geheimen Punkt erreichen - und somit können ihn seine Jäger sowohl verfolgend fangen wie auch ihm den Weg zu seinem Versteck abschneiden. Die Verfolger können durch Hinweise und Ermittlungen (auch ein starkes Element, welches elegant eingebaut wurde und z.B. bei "Scotland Yard" fehlte) natürlich immer besser einschätzen, wo sich Jacks Versteck befinden muss, und dadurch eine regelrechte Fahndung aufbauen - das Spiel wird also laufend für den Ripper schwerer und für alle Beteiligten spannender.
Nach fünf Partien muss ich sagen, das mich DIE AKTE WHITECHAPEL durchaus begeistert hat. Das Spiel ist anspruchsvoll, hat aber einfache und gradlinige Regeln. Es ist enorm spannend und lässt jede Menge Raum für Taktiken und Ideen (die wasserdichte Taktik haben wir noch nicht gefunden), und gerade als Jack The Ripper schwitzt man so manches Mal Blut und Wasser...
Stark ist außerdem, wie gut es gelungen ist, die historischen Rippermorde als Thema des Spieles zu integrieren. Wer sich ein bischen für die Thematik interessiert wird feststellen, dass beispielsweise neben Frederik Abberline auch Ermittler wie George Lusk vorhanden sind, der Goulston Street Graffitti eine Rolle spielt und auch das umstrittene "Double Event" in das Spiel eingebaut ist. Selten habe ich ein historisches Spiel gespielt, welches so elegant historische Fakten und Spekulationen einem Spielgerüst angepasst hat.
An dieser Stelle vielleicht noch ein Hinweis: der ein oder andere könnte bei diesem Spiel von der Tatsache abgeschreckt werden, dass Jack The Ripper (wer immer er auch war) eben ein real existenter Serienmörder war, seine Morde hier Thema des Spieles sind und ein Spieler eben diesen Mörder verkörpert. Ich für meinen Teil habe hiermit keine Probleme (genauso wenig, wie mich andere Spiele mit historischem Hintergund, seien es bespielsweise zum 2. Weltkrieg oder zu den napoleonische Kriege, irgendwelchen moralischen Rechtfertigungszwängen unterwerfen), da ich denke Realität und Spiel trennen zu können und das vorliegende Spiel den Ripper nun auch nicht glorifiziert. Wer aber ein wirklich "harmloses" Spiel für den familiären Spieleabend in trauter Runde sucht mag den eingangs genannten Fakt dennoch kurz durchdenken.
Alles in allem: ein sehr spannendes und unterhaltsames Spiel, welches bei uns für einige sehr harte Abende in Whitechapel gesorgt hat. Wer ein aufregendes Deduktionsspiel sucht sollte DIE AKTE WHITECHAPEL unbedingt antesten!