Der Name "Heidelberg" hat auf der ganzen Welt einen Klang wie kaum ein anderer deutscher Ortsname. Heidelberg gilt als Sehnsuchtsort, Assoziationen wie "Romantik" und "Jugend" stellen sich unweigerlich ein, wenn von Heidelberg die Rede ist. Doch was ist das besondere dieses "Mythos Heidelberg", woher stammt er, welchen Inhalt hat er? Was ist das Besondere des vielbeschworenen "Heidelberger Geistes"?
Michael Buselmeiers inzwischen längst zum Klassiker avanciertes Heidelberg-Lesebuch versucht, hierauf eine Antwort zu geben, indem es Texte dokumentiert, die diesen Mythos prägten oder von ihm handeln. Die Sammlung beginnt mit Gedichten und Prosastücken aus der Zeit, als Heidelberg zuerst zum Mythos wurde, also aus der Zeit um 1800. Klassische Texte von Goethe, Hölderlin (die berühmte Heidelberg-Ode), Brentano, Arnim und Eichendorff machen den Anfang. Eine neue Zeit wird in Texten etwa von Immermann, Gottfried Keller, Nikolaus Lenau und anderen Schriftstellern vernehmbar. Auch die im späten 19. Jahrhundert einsetzende Trivialisierung des Heidelberg-Mythos ist dokumentiert, etwa mit einem Auszug aus dem seinerzeit ungeheuer erfolgreichen Rührstück "Alt-Heidelberg" von Wilhelm Meyer-Förster (einschließlich bissiger Anmerkungen von Tucholsky und Brecht über dieses "Saustück", wie Brecht es nannte). Eine neue Blüte der Heidelberger Kultur spricht aus den Zeugnissen so unterschiedlicher Personen wie Max und Alfred Weber, Karl Jaspers, Stefan George, Friedrich Gundolf und vieler anderer. Neue Akzente setzen Autoren aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Den Schluss macht eine brillante Reportage aus der "Zeit" aus dem Jahr 1982, die die Situation Heidelbergs in der Nach-68er-Zeit noch einmal lebendig werden lässt.
Doch was das Buch so einzigartig macht, ist die Tatsache, dass es sich nicht auf die Hochkultur beschränkt, sondern Spiegelungen und Brechungen des Heidelberg-Mythos auf anderen Ebenen refklektiert und auch Widerborstiges, gerne Verdrängtes nicht ausblendet. Ein Bericht über ein "SA-Treffen in Alt-Heidelberg" aus dem Jahr 1931 etwa lamentiert über die von "amerikanischen, zum größten Teil jüdischen Geldgebern" finanzierte Neue Universität, ein Zeitungsartikel aus dem Jahr 1933 über die Bücherverbrennung auf dem Universitätsplatz macht beklemmend deutlich, wie schnell sich der braune Ungeist auch in Heidelberg durchgesetzt hat, und ein Flugblatt des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes aus dem Jahr 1968 zeigt, wie sich die revoltierenden Studenten auf ihre Weise an den Heidelberger Verhältnissen abarbeiteten.
Das Buch ist versehen mit einem klugen Nachwort des Herausgebers, des Heidelberger Schriftstellers Michael Buselmeier, über das Heidelberger Geistesleben und die Wandlungen des "Mythos Heidelberg". Zu Buselmeiers
Literarische Führungen durch Heidelberg: Eine Stadtgeschichte im Gehen bildet das Heidelberg-Lesebuch gewissermaßen den Dokumentenband.
Die Konzeption des Buches bringt es mit sich, dass einige "klassische" Heidelberg-Texte fehlen, etwa Oswald von Wolkensteins "Ich rühm dich Heidelberg" oder Martin Opitz "Du edele Fonteyn". Letztlich ist dies aber konsequent, da der Heidelberg-Mythos erst im späten 18. Jahrhundert erstmals formuliert wird, während die Texte früherer Jahrhunderte Heidelberg lediglich abstrakt preisen, ohne das Besondere wahrzunehmen.
Fazit: Das Buch ist eine unentbehrliche Fundgrube für jeden ernsthaften Heidelberg-Liebhaber - gerade weil es sich nicht auf die Wiedergabe von unkritischen Lobeshymnen beschränkt, sondern den "Mythos Heidelberg" in all seinen Facetten, auch den problematischen, dokumentiert.