Ich kann Fayes sehr gut recherchiertes und geschriebenes Buch nur sehr empfehlen! Man mag ihm vielleicht nicht in jeder seiner Schlussfolgerungen folgen, aber die Anzahl der von ihm - zusätzlich zu dem bislang Bekannten, von Jaspers und Löwith bis Ott und Farias - vorgelegten Belege dafür, dass Martin Heidegger, nicht nur lange vor 1933 zutiefst völkisch, rassistisch und antisemitisch dachte und fühlte, sondern über das 3. Reich hinaus, wahrscheinlich lebenslang sind tatsächlich erdrückend.
Natürlich war seit vielen Jahren einiges über Heideggers Eintreten für den Nationalsozialismus und seine unselige Rektoratszeit an der Freiburger Universität bekannt, aber es ist Heidegger und vielen seiner Apologeten gelungen, diesen "Irrtum" des großen Philosophen zu verharmlosen und viele glauben zu machen, damit sei es bereits 1934/35 vorbeigewesen. Heideggers berühmte "Kehre" (d.h. die Abwendung von seinem bisherigen fundamentalontologischen Denken, wie er es in "Sein und Zeit" (1927)vertreten hatte, hin zu seinem seinsgeschichtlichen Ansatz ab Mitte der dreißiger Jahre), sei nicht nur eine Veränderung in seinem philosophischen Denken gewesen, sondern hätte zugleich auch die Abwendung vom Nationalsozialismus bedeutet. Faye kann durch die Vorlesungen, Vorträge und Seminare der Jahre 1933 bis 1949 (darunter die Bremer Vorträge sowie die Nietzsche- und Hölderlin-Vorlesungen) die Heidegger-Korrespondenz sowie seine Beziehungen zu Carl Schmitt, Alfred Bäumler u.a. überzeugend darlegen, dass dies nicht der Fall war. Heideggers philosophische Begriffe sind tatsächlich zutiefst imprägniert vom Nationalsozialismus.
Er hat nach dem verlorenen Krieg, erfolgreicher als andere, eine Legende gestrickt, die dies vertuschen sollte. (Da die von Heidegger so heftig geforderte Tat, Entscheidung und Führerschaft so gründlich und katastrophal daneben ging, wie im 3. Reich, ist Ge-Lassenheit scheinbar keine schlechte Idee. Nur bitte keine weitere Selbstbehauptung - oder gar Demokratie.) Heidegger hat aber, wie Faye zeigt, in seiner berühmt gewordenen pauschalen Kritik an der Moderne (Metaphysik, Technik etc.), alles ununterschieden in einen Topf geworfen (inklusive des Humanismus) und verworfen. Und dabei - nun in der Rolle des Weisen und Werkzeug des Seins selbst - seine alten Ressentiments auf oft ungeheuliche Weise weitergepflegt. Ein Beispiel: "Ackerbau ist jetzt motorisierte Ernährungsindustrie, im Wesen das selbe, wie die Fabrikation von leichen in Gaskammern und Vernichtungslagen, das Selbe we die Blockade und Aushungerung von Ländern, das Selbe wie die Fabrikation von Wasserstoffbomben." (aus: "Das Gestell", Vortrag von Martin Heidegger vom 2. Dezember 1949 in Bremen; in Martin-Heidegger-Gesamtausgabe Band 79, S. 27) Fazit: Fayes wichtiges Buch sollte für das Verständnis des Heideggerschen Denkens unbedingt mitberücksichtigt werden.