Sie kann einem eigentlich leid tun, die resolute Ma McDade (Jo Van Fleet), die sich fernab der Stadt auf ihrer Farm verschanzt hat und dort die Beute aus dem letzten Überfall, den ihre vier Söhne begangen haben, sowie deren lustige Witwen bewacht. Drei ihrer Söhne sind in der Explosion, die sie bei ihrem Coup gezündet haben, umgekommen und bis zur Unkenntlichkeit verbrannt, so daß nun niemand weiß, welcher der Söhne noch lebt. Deshalb sieht sie alle ihre Schwiegertöchter auch noch als verheiratet an und ist bereit, die Ehre des abwesenden Ehemanns bei allen vieren zu verteidigen. Und das Gold verwahrt sie in einem Versteck, weil sie im Innersten weiß, daß der Überlebende ganz sicher nicht nur ihretwegen zurückkommen wird, und sie ihn doch noch einmal sehen möchte.
Um so verwunderlicher ist es, daß Raoul Walsh es geschafft hat, diese tragische Figur in den Mittelpunkt des so amüsanten und witzigen Westerns "The King and Four Queens" (1956) zu stellen, ohne daß es zu Dissonanzen kommt. Walsh schickt seinen Helden Dan Kehoe (Clark Gable), einen zwielichtigen Abenteurer, der schon am Anfang des Filmes von einem zornigen Aufgebot verfolgt wird, auf einem Umweg über ein kleines Westernstädtchen auf die Farm von Ma McDade, wo Kehoe versuchen wird, die Beute aufzuspüren und sie der alten Dame abzujagen. Dabei läßt er auch seinen Charme bei den vier Schwiegertöchtern spielen, denn diese könnten doch auch wissen, wo er nach dem Gold zu suchen hat.
Die unter der Fuchtel von Ma lebenden Damen könnten unterschiedlicher nicht sein: Da ist zunächst die etwas leichtlebige und offenherzige Birdie (Barbara Nichols), dann die Texanerin Ruby (Jean Willes), ferner die schüchterne Oralie (Sara Shane) und schließlich die kühle und vorsichtige Sabina (Eleanor Parker). Sie alle kommen Kehoe auf jeweils eigene Art nahe - wie nahe, das kann man in zwei Fällen nur durch die rechtzeitig vorgenommene Abblende erahnen -, doch keine scheint über den "Drachenhort" Bescheid zu wissen.
"The King and Four Queens" erinnert in seiner Konstellation ein wenig an Don Siegels "The Beguiled" (1971), ohne jedoch dessen Düsternis zu haben. Statt dessen können wir uns auf das kunstvolle Taktieren Clark Gables, die grimmigen Gegenmanöver Jo Van Fleets sowie jede Menge Wortwitz freuen - etwa wenn Kehoe der sehr offensiven Birdie, nachdem sie ein Lied gesungen hat, sagt, sie habe das gewisse Etwas in der Stimme, und diese dann verwundert zurück fragt: "In der Stimme auch?"
Hier haben wir auch einen jener Fälle, in denen die deutsche Synchro - auch wenn sie stellenweise etwas leise, aber immer noch verständlich ist - an manchen Stellen noch witziger ist als das Original. So entgegnet Gable in der deutschen Version dem Angebot des Totengräbers, sich zwei Dollar zu verdienen: "Nein danke, ich habe schon zwei Dollar. Das wird mir sonst einfach zu viel." Der einzige Schwachpunkt an der deutschen Synchro ist für mich die etwas quäkig-näselnde Stimme von Edith Hancke, die mir nicht recht zu Birdie passen will - auch wenn sie denn irgendwie doch paßt und Barbara Nichols im Original ebenfalls ein wenig schrill daherschwätzt.
Ein kleines Manko sehe ich in der Besetzung der Hauptrolle mit Clark Gable, der für einen glaubwürdigen Kehoe denn doch ein wenig zu alt war - immerhin war Jo Van Fleet, die "alte Dame", zum Zeitpunkt der Dreharbeiten erst um die 42 Jahre alt, während Gable 55 Lenze zählte. Zwar gebührt Walsh das Verdienst, die Karriere Gables mit "The Tall Men" (1955) wiederbelebt zu haben, doch wirkt Gable auf mich in der Rolle des Dan Kehoe fehlbesetzt. Um so erfreulicher finde ich es freilich, daß er als Gay Langland in John Hustons "The Misfits" (1961) noch einen würdigen Abschied von der Leinwand feiern durfte.
Trotz meiner Kritik an der Hauptfigur halte ich "The King and Four Queens" für einen unterhaltsamen Western, der (fast) zur Gänze ohne Schießereien auskommt und einige feine Dialoge bereithält.
Die DVD hat neben der englischen auch eine deutsche Tonspur. Untertitel fehlen ganz, doch das Bild ist anständig restauriert worden.