Ich habe das Buch gekauft, um meinem Partner statt mit der üblichen Schokolade die Vorweihnachtszeit ein wenig mit Erotischem zu versüßen, allerdings befürchte ich, dass ich mehr Freude an dem Buch haben werde als er, und auch diese Freude hält sich in Grenzen. Nach 3 Tagen haben wir (beide Mitte 20) den Eindruck hier ein Buch für Familienmütter mitte 40 bekommen zu haben, die kurz vor der Midlifecrisis versuchen wollen, in ihrer Partnerschaft doch noch soetwas wie Sexleben zu etablieren (zur Not auch ganz für sich allein, denn das Buch ist eindeutig für Frauen geschrieben), was einem in der Produktbeschreibung leider keiner sagt.
Optik:
Wie hier schon mehrfach angedeutet wurde, macht das Buch von außen einen super Eindruck; gerade im Vergleich zu dem relativ günstigen Preis. Das Buch ist in einen schwarzen Kunstsamt eingebunden (was bei meinem Partner sofort zur Aussage: "das ist für Frauen" führte - womit er eindeutig recht hatte).
Die Bilder innen sind nett - aber warum hat man sie so in das Buch gedruckt, dass die Personen auf jedem zweiten Bild in der Bindungsfalte in der Mitte verschwinden, so dass außer viel Raum außen herum oft sehr wenig zu erkennen ist. Ganz zu schweigen davon, dass man - um die Kapitel zu lesen - das Bild in der Mitte aufschlitzen muss, wodurch es noch weniger gut zu erkennen ist, während die schwarzen Seiten zwischen drin (bedruckt nur mit der Tageszahl und der Weihnachtskugel mit Frauensilhouette) unangetastet bleiben. Hier hätte es sich angeboten anders herum zu verfahren, um die Bilder nicht zerschneiden zu müssen, bzw. die Seiten gar nicht erst in der Buchmitte zu perforieren, sondern außen am Rand, sodass überhaupt keine Seiten verletzt werden müssen. Die Bilder sind übrigens sehr Frauenlastig - der eine oder andere nette Mann hätte mir ganz gut gefallen, leider verkommen Männer hier zu Statisten (wenn überhaupt welche im Bild sind). Ich habe überhaupt nichts gegen nette Frauenbilder - im Gegenteil - aber ein ausgewogeneres Verhältnis hätte mir besser gefallen.
Inhalt:
Neben den 24 verschlossenen Tagen gibt es noch ein Vorwort und eine Liste mit 69 Tipps für heiße Weihnachten. Ich gehe in meiner Beurteilung der Reihe nach vor:
Vorwort:
Spätestens hier wird dann endgültig klar, dass es sich um ein Frauenbuch handelt, auch wenn - relativ halbherzig - versucht wird auch Männer anzusprechen. Gerade dieses Vorwort hat meinen Eindruck bestärkt, dass sich die Autorinnen über ihrer Zielgruppe nicht ganz klar waren, was zu einem allround-Versuch geführt hat, der meines Erachtens niemandem wirklich gerecht wird.
Nachdem 3/4 des Vorwortes einen sinnlichen Weihnachtseindruck geben, und beschrieben wird, was WIR (Frauen!) alles lieben, verlieren die Autorinnen im letzten Viertel noch ein paar Worte zur Aufteilung des Buches. Die linke Hälfte jeder Doppelseite enthält eine Geschichte (für Frauen), die rechte einen Sachbuchtext (für Männer)...
Die Geschichten:
Schon zwei der ersten drei Geschichten enthalten das hocherotische Wort "Kinder". Wer hier angesprochen wird, sind Familienmütter und deren weihnachtliches Umfeld. Wenn eine solche Geschichte neben vielen stünde - gar kein Problem - schließlich wäre es ja reizvoll ein möglichst breites Bild weiblicher (auf männliche hoffe ich ja gar nicht mehr) Erotik zu bekommen... aber dieser 2 von 3 Schnitt lässt nichts Gutes erwarten.
Auch das Wort "Schwiegermutter" gehört nicht gerade in mein erotisches Repartoire und so kommt bei mir beim besten Willen keine Lust auf, wenn ich mir vorstelle, beim Vibratoreinsatz von eben dieser beobachtet zu werden... Geschichte zwei (Lesbenspiel) und drei (Sex mit dem Nikolaus) sind als Ideen nett, aber meiner Meinung nach nicht wirklich gelungen umgesetzt. Überhaupt nimmt das "Drumherum" in den meisten Geschichten weit mehr Platz ein, als die eigentlich erotische Handlung, was bei gerade mal 1,5 Seiten pro Geschichte die Erotik sehr komprimiert und reingezwungen erscheinen lässt. Auch fügt sich das Lieblingswort der Autorin (Möse) für mein Empfinden nur sehr schwer in den ansonsten eher weich-sinnlichen Beschreibungsstil.
Aus Sophies Nähkästchen:
Unter der Geschichte befindet sich jeweils in rot die Rubrik "Aus Sophies Nähkästchen". Hier erzählt die Autorin aus ihrem eigenen Sexleben. Meiner Meinung nach eine völlig überflüssige Kategorie, an deren Stelle die Geschichte hätte ausgebaut und verbessert werden können. Die Zielgruppe dieses Buches (die noch über den Einsatz von Vibratoren aufgeklärt werden muss - sonst wäre der Sachtext überflüssig) scheint mir nicht die Zielgruppe zu sein, die wissen will, wann und mit wem und wie oft die Autorin schon Sex hatte... und ich will es auch nicht (obwohl ich mich nicht zur Zielgruppe zähle).
- Gleich im ersten Nähkästchen fiel mir außerdem auf, dass die meisten Sexratgeber-Autor(inn)en i.d.R. dazu auffordern einzusetzen und zu machen, was beliebt; nicht so Sophie, die sich ganz klar gegen Dildos in "Raupen-, Delfin- oder Maulwurf-"Form ausspricht. Hier haben wir mal wieder das Zielgruppenproblem, das dieses Buch durchweg plagt. Die Frauen, die im ganzen Buch (und speziell auf der linken Seite, also dort, wo auch das Nähkästchen steht) angesprochen werden, kaufen sich doch (hoffentlich) den Dildo, der ihnen zusagt - und da ist die Form Geschmackssache. Sollte dieser Rat an Männer gerichtet sein, die ihrer Partnerin ein Spielzeug schenken wollen, dann ist er an der Stelle verfehlt angebracht...
Die Sachtexte:
Die Sachtexte sind sehr grundlegend. Jeder, der schon mal einen Dildo gesehen hat, wird aus dem ersten zumindest nichts (oder nur sehr wenig) Neues lernen. Auch der zweite Text über weibliche/lesbische Erotik bietet wenig Aufregendes (außer die Unterstellung, dass Männer Frauen ungern auch mit der Hand befriedigen und die Aufforderung doch "der Mutti des Kindergartenfreundes Ihres Sohnemanns" (Hausfrauenwelt, da bist du wieder) ein eindeutiges Angebot zu unterbreiten). Der dritte Text - als Kontrastprogramm - ist dagegen aus biologischer Sicht sicherlich hochgradig interessant, allerdings lösen Worte wie Hypothalamus, Hirnanhangsdrüse und Transsudation bei mir nicht wirklich einen erotischen Kick aus. Was übrigens Aussagen wie "Lesbensex ist genau das, was Frauen brauchen" dem Mann sagen soll, für den der Sachtext ja angeblich geschrieben wurde, bleibt rätselhaft...
Tagestipp:
Unter dem Sachtext gibt es noch - ebenfalls in rot - die Kategorie "Tagestipp", die einen konkreten, umsetzbaren Tipp für (vorweihnachtlichen) Sex bereithält. Diese Tipps sind nette Ideen, die sich sowohl relativ leicht (und kostengünstig) umsetzen lassen, als auch in der Praxis tatsächlich durchführbar sind. Da geht es - zum Glück - um erotische Einkaufskataloge, einen netten DVD Abend oder einen Quickie in der Werbepause statt um Stellungen a la "legen Sie ihre Füße hinter den Kopf und machen Sie einen Handstand". Insofern ist diese Kategorie (bislang) gut gelungen, auch wenn nichts dabei war, auf das man nicht auch selbst hätte kommen können.
69 Tipps für den heißesten Wintersex aller Zeiten:
Die hier versammelten Tipps sind nette einfälle, die auch gut auf die Vorweihnachtszeit bezogen wurden. Leider ist das Motto "Seien sie großzügig" hier häufig finanziell zu verstehen. Paare, deren Geldbeutel - auch und gerade vor Weihnachten - ein Limit kennt, werden sich einige der Tipps schlichtweg nicht leisten können, und sich auch bei den günstigeren immer noch begrenzen müssen, weil sehr viele Tipps Materialeinsatz erfordern.
Fazit:
Wer ein gesundes Verhältnis zur Erotik hat, schon irgendwann mal ein Buch mit Sextipps (wahrscheinlich reicht eine Jugend mit der Bravo schon aus) gelesen hat und/oder noch regelmäßig Sex mit seinem Partner hat, der nicht nur aus der Missionarsstellung besteht, braucht diesen Kalender wirklich nicht. Stattdessen sei ein erotischer Kalender fürs Ganze Jahr und/oder ein erotischer Roman empfohlen.
Wer sich von dieser Beschreibung nicht angesprochen fühlt, greife beherzt zu und lasse sich auch vom Aufdruck "Heyne Hardcore" nicht abschrecken... "Softcore" trifft es nämlich viel besser.
Falls die Autorinnen für das nächste Jahr einen neuen Kalender planen, so sei Ihnen an dieser Stelle die Festlegung auf eine Zielgruppe empfohlen und ein klares Statement:
Wen spreche ich an? (Paare, Frauen, Männer, Alter, Sex-Erfahrung...)
Dann können die Texte auch entsprechend formuliert (als Mann wollte ich ungern in "meinem" Sachtext ständig als Frau angesprochen werden) und auf die Zielgruppe ausgerichtet werden. So entsteht nicht nur ein besserer Gesamteindruck sondern auch ein stimmigeres Zusammenspiel der Texte.