Mit Büchern wie "Der Liebhaber" und "Der Schmerz" feierte die Autorin Welterfolge. "Hefte aus Kriegszeiten" benannte Marguerite Duras die eng beschriebenen Schulhefte, die sie vierzig Jahre vor ihren großen Erfolgen geschrieben und versteckt hatte. Es sind erste Texte, unbearbeitet, quasi unmittelbar, eigentlich ist es ein Buch mit Erntwürfen. Unveröffentlichte Texte aus ihrem Nachlass, die sie später in ihr Werk eingearbeitet hat. Es sind Aufzeichnungen aus den Jahren 1943 bis 1949, in denen alle Motive der großen späteren Erfolgsromane schon zu finden sind, dennoch völlig heterogen, auf der Suche nach sich selbst, in einer Sprache, die sich in den damaligen Literaturverständnissen bewegt. Man hat nie geglaubt, dass sie 1944 schon so geschrieben hat. Charakteristisch ist die große Schlichtheit in Satzbau und Vokabular. Sie kommt hier schon bei unterschiedlichen Sprachschichten in diesen späteren Rhythmus hinein, diese Abgründe, dieses Abgehackte, dieses Herunterfallen der Sätze, wo man in einer hervorragenden Sprache fast auf jeder Seite mit Hammersätzen in diese Abgründe hinein fällt, zusammenzuckt und man inne halten muss.
Hier finden sich dann auch die zentralen Themen ihres Lebens; Kindheit und Jungend im fernen Indochina; die widersprüchliche Beziehung zu Mutter und Brüdern; die erotische Beziehung und die frühen Liebeserfahrungen mit einem Asiaten in Indochina, die sie in ihrem späteren Roman "Der Liebhaber" beschreibt.Eigentlich waren ihre Romane immer autobiographisch geprägt.
Ich finde es in den frühen Passagen unheimlich interessant, wie sie ihre turbulente Kindheit in Vietnam beschreibt. Sie ist von ihrer Mutter und ihrem Bruder maßlos verprügelt worden. Der Bruder wird von ihr so ein bisschen wie der 'Priester der Gewaltexzesse' gesehen, er ist außerhalb jeder moralischen Beurteilung. Da ist schon fast eine Genesis Komponente drin, eine mir unbehagliche Verklärung. Und es gibt eben Menschen, die durch Leiden nicht sanfter werden, sondern noch bösartiger. Und man muss der Wahrheit die Ehre geben, wir haben es hier bei Marguerite Duras wirklich mit einem extrem bösartigen Menschen zu tun. Ein Scheusal,aber auch ein Talent.
Sie ist großartig im Beschreiben von komplexen und langen Gefühlszuständen. Wie sie auf zwanzig Seiten dieses qualvolle Warten beschreibt, ob ihr von der Gestapo verhaftete Mann Robert Antelme es nun geschafft hat aus Dachau zurück zu kommen. Sie schreibt es so verzweifelt, dass man dieses ständige Hin und Her des Wartens erst richtig versteht. Die Körperbeschreibung von ihrem Mann, der aus dem Lager zurückkommt, der nicht mehr essen kann und plötzlich sich in einen Hund verwandelt der alles verschlingt. Und man wird dann plötzlich als Leser vom Text verschlungen. Das sind schon unglaubliche Effekte, zwischendurch hat es natürlich auch schwächere Stellen.
Sie ist eine phantastische Beschreiberin gerade bei diesen Schilderungen des sado - masochistischen, was sie selbst und später dann als Folterin erleiden muss. Es sind ja alles Varianten eines Ichs. Es sind entsetzliche Szenen, die sie nicht beurteilen will, wie sie sagt, aber sie tut es komischerweise doch. In dem Schmerz ist etwas Heiliges. Duras ist da am besten, wo sie am schamlosesten und am unmoralischsten ist. So macht sie die Leser bei der Folterszene zu Vojajeuren. Ich denke dabei zum Beispiel an eine Szene, bei der wir zuschauen können wie das ganze Psychoarsenal der Verhördramaturgie aufgefahren wird, wie Blut fließt und sie einfach diesen Genuss am Foltern, am Schlagen und an der Macht zu sein, hat. Von diesen fraglos literarisch exzellenten Szenen gibt es noch viel mehr. Man kann einfach zuschauen wie diese Autorin ihre Figuren entblößt und das sind dann entsetzliche Szenen, die ich nicht beurteilen will. Hier ist jedenfalls diese Entstehung von Voyeurismus sehr gut zu beobachten, die sie dann ja leider später auch auf ihr Privatleben übertragen hat. Selbstmythologisierung machte ihr besonders Spaß.
Alles ist bei ihr wie dieses Fluten und Ebben, dieses Lieben und Hassen. Die Mutter ist eine Göttin und die Tochter wird verprügelt und sie hasst die Mutter und sie liebt die Mutter. Schreiben und Schweigen das sind auch so Flut und Ebbebewegungen, die sich wie ein roter Faden durch das ganze Werk ziehen. Vieles ist auch autobiographisch, denn sie hat ja in einer Rèsistancegruppe von Buchhändlern eine Rolle gespielt und derjenige mit dem sie Kontakt hatte, den sie beschattet hatte, wurde wegen ihr nach dem Krieg zum Tode verurteilt. Und ihr damaliger Lebensgefährte hatte mit dessen Frau eine Affäre gehabt. Das ist alles biographisch noch viel komplizierter und abgründiger. Dieses ganze Hin und Her ist ja in der Konstruktion interessant, es ist nie manieristisch verkitscht.
Es ist fast ein Erstlingswerk, obwohl sie schon publiziert hat, ein Buch was man überhaupt nicht einordnen kann, wo schon ganze spätere Werk an einem vorbei zieht. Diese Leerstellen die man im späteren Werk von Duras manchmal als manieriert empfindet, sind hier eben wirklich existenziell und berühren auch zutiefst. Es ist ein Buch, das aus so vielen Schichten besteht, aus Texten wie aus den vierziger Jahren, dann wiederum aus Sachen die vorweg nehmen was sie in den fünfziger und den achtziger Jahren schreibt. Und eigentlich ist es besser als das was sie später geschrieben hat, wobei man förmlich sehen kann, wie das was später kommt langsam entsteht. So gesehen ist es auch werkgeschichtlich wahnsinnig interessant. Und so wird auch in diesen frühen Texten schon sichtbar, wie sie den Körper von der Erotik abspaltet, wie sie die Erotik durch "abgespaltene Körper" erzählt. Psychoanalytischer betrachtet kann man folgerichtig sagen, man sieht hier sehr deutlich, wie die Neurose entsteht. Dieses Buch ist ganz große Literatur, wenn ich auch das Gefühl habe, das Marguerite Duras ganze Schonungslosigkeit Teil der Inszenierung ist, sich der Selbststilisierung zu rühmen und sich nicht zu scheuen die grausamsten und ekligsten Sachen Seiten lang, ohne jeglichen schönenden Schleier, zu schreiben.
Dennoch, Duras ist eine großartige Beschreiberin, wobei es fasziniert, wie sie die ganze Wahrnehmungsintensität auf einen Punkt bündelt. Eine sehr schöne Edition, sowohl für Duras Kennerinnen und Kenner interessant, als auch für Neueinsteiger. Es ist auch ein gutes Lesebuch, wobei es wunderschön ist, wie sie bei diesen oft fragmentarisch zusammengefügten Texten soviel offen lässt, dass der Leser sich selbst dann zwischen allen geschilderten Extremen noch seinen eigenen dritten Text machen kann. Sehr angriffige Sätze und viel Hass machen das Buch darüber hinaus zu einer sehr anstrengenden Lektüre.