Das Buch? Aber in erster Linie die doch gar nicht so geringe Zahl an absoluten Negativrezensionen.
Was haben sie gemein - in erster Linie kritisieren jene Rezensenten die Sprache, die vermeintliche Banalität, mit der Lelord seinen Protagonisten die Suche nach dem Glück erleben lässt. Schließlich sei all das doch längt bekannt - und wer so mit mir als Leser spricht, würde mich nicht für voll nehmen.
Hm.
Ich möchte hier vehement widersprechen. Korrekt ist, dass sich dieses Buch durch eine einfache Sprache auszeichnet. Aber das geschieht ja nicht grundlos. Hector entdeckt die Welt neu, er findet das Geheimnis des Glücks - welches gar kein so großes Geheimnis ist. Und er macht dies, indem er die Welt wie ein Kind betrachtet. Vorurteilsfrei, frei von Gedanken, die den Blick auf das wesentliche vernebeln, etwas naiv - und stets offen, sich dem Leben zuzuwenden.
Als Leser dieses Buches sollte man bereit sein, sich darauf einzulassen. Und letztlich, ja, eine der klaren Botschaften, die der Leser entdecken kann - wenn er sich nur drauf einlässt - ist naheliegend und sollte dennoch erwähnt werden. Intelligenz, so schön sie in vielen Teilen des Lebens sein mag, ist kein Kriterium, welches Notwendig ist um glücklich zu sein oder zu werden. Nun ist Hector alles andere als dumm - aber die Sprache, die verwendet wird, ja, sie ist einfach. Sie ist zu verstehen. Ohne psychologisches oder soziologisches Vorwissen. Das Buch können auch Kinder verstehen - es spricht darüber hinaus das innere Kind an.
Ist das wirklich etwas negatives? Ganz offensichtlich empfinden einige Menschen so. Haben diese Menschen verlernt oder vergessen, ihr inneres Kind zu pflegen, die Bedürfnisse des inneren Kindes ernst zu nehmen? Haben diejenigen gar kein inneres Kind mehr, leben sie in einer Welt, in der nur das Wissen, nur die Intelligenz, nur die fachliche Kompetenz zählt? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass Lelord mich erreicht. Obwohl ich durchaus befähigt bin, auch kompexere Satzstrukturen zu entschlüsseln. Ich kann Hectors Reise genießen. Und dieses Buch empfehlen. Ist es eine Kunst, einfache Sachverhalte kompliziert auszudrücken? Für mich nicht. Für mich ist dieses Buch "Kunst".
Ich möchte jedenfalls Fracois Lelord für ein Kleinod der Erzählkunst danken. Machte mich das Lesen des Buches nun glücklich, so wie es Elke Heidenreich geschworen hat? Nein. GANZ so einfach ist es nun doch nicht. Aber diverse Gedanken konnte ich doch mitnehmen. Und, nun, der Rest liegt an mir. An jedem Leser. Diese Verantwortung kann ich nicht durch das bloße Lesen eines Buches übernehmen. Macht aber nix. Denn es geht mir immerhin recht gut. Und das ist doch auch was - mir jedenfalls genug, um die Höchstwertung zu vergeben.
*Nachtrag*
Ich habe hier - also bei Amazon - zwischenzeitlich die Behauptung gelesen, dieses Buch sei ein Lebenshilfebuch. Und es hätte demzufolge den Anspruch haben müssen, stets vorbildliche Lebensweisen der Protagonisten zu liefern, damit man, wenn man sich genauso verhält wie der Protagonist, im Leben vorankommen würde.
Ich bitte jeden Leser dieser Rezension und somit jeden potentiellen Leser dieses Buches, sich von einer solchen Erwartungshaltung zu lösen. Hectors Reise will kein Lebenshilfebuch sein, sondern ein "Philosophisches Märchen". Und ganz bestimmt verhält sich Hector als handelnde Figur nicht immer - und ganz besonders in einem konkreten Fall - so, wie sich ein "moralischer" Mensch verhalten sollte. Sollte also irgendjemand dieses Buch lesen wollen und dabei erwarten, einen universellen Lebensführer zu erhalten, einen hehren, fehlerfreien Protagonisten und diesem nacheifern wollen : Dann kann mein Rat nur lauten : Finger weg. Denn dieses Buch ist kein Lebenshilfebuch, es will auch keins sein. Und selbst wenn man auf der Suche nach Lebenshilfe ist und sie in einem Buch zu finden hofft : Bitte beim Lesen immer bedenken, dass die Tatsache, dass eine handelnde und denkende Figur eines literarischen Werkes etwas auf eine bestimmte Weise bewertet, dass dies keineswegs bedeutet, man habe als Leser diese Meinung 1-1 zu übernehmen...