Ich habe weder zu "Catcher in the Rye" noch zu „Franny & Zooey“ eine Rezension hinterlassen, aus dem einfachen Grunde, weil auch die 594. Bewertung dem bereits gesagten nichts mehr hinzufügen kann.
Bei "Hebt den Dachbalken hoch, Zimmerleute", sieht die Sache allerdings anders aus: Ich fühle mich persönlich verpflichtet, nicht nur dem geneigten Leser, sondern besonders dem Salinger-Fan eindringlich von der Lektüre abzuraten:
Das Buch besteht aus den beiden titelgebenden Erzählungen; wie schon "Franny & Zooey" widmen sich beide wieder den Verwirrungen der Glass-Familie: "Dachbalken" spielt irgendwann zwischen 1943 und 1945: Buddy Glass tritt als Ich-Erzähler auf und reist nach New York um der Hochzeit seines Bruders Seymour beizuwohnen; dieser taucht allerdings nicht auf, und lässt seine Braut vor dem Altar stehen.
"Seymour wird vorgestellt" ist - wieder aus der Perspektive des Bruders geschrieben- weniger eine Geschichte als vielmehr eine Anekdotensammlung. Buddy beschreibt Vorfälle und Erinnerungen an den Bruder, um den Mythos aufzuklären, der sich angeblich um den rätselhaften Bruder gebildet hat.
Ich möchte die Frage zurückstellen, ob die überwiegende Mehrheit des Salinger-Lesezirkels das Interesse des Erzählers an der Glass-Familie teilt; was nicht verschwiegen werden kann, ist, dass dieser Erzählband nicht nur einen massiven Qualitäts-, sondern leider auch einen deutlichen Leistungs-Abfall darstellt: Am Ende seiner veröffentlichten Schriftstellerkarriere sah Salinger wohl keinen Grund, sich ein letztes Mal richtig anzustrengen.
"Dachbalken" für den Anfang, ist durchaus lesbar; wenn sie von jedem beliebigen anderen Amerikaner geschrieben worden wäre, ginge sie durchaus als gute Kurzgeschichte durch: Nach der Szene vor dem Altar fährt der Erzähler mit der Hochzeitsgesellschaft in ein altes Apartment der Familie, und gibt sich dort seinen Kindheitserinnerungen hin.
Das klingt möglicherweise besser als es ist, denn da wir es mit einer Salinger-Erzählung zu tun haben, liegen die Erwartungen höher; und verglichen mit seinen anderen wunderbaren Geschichten ist sie technisch unausgereift und alles andere als befriedigend. Statt konkrete Situationen zu beschreiben, verliert sich die Handlung in unergiebigen Dialogen; zwischen Kirche und Wohnung bleibt die Gruppe in einem symbolhaften Verkehrsstau stecken, was die Geduld zusätzlich strapaziert: Kaum erreicht das Geschehen einen neuen Schauplatz, da hängt der Plot schon wieder durch. Man hat den Eindruck, Salinger habe bis zum Schluss nicht gewusst, wohin er das ganze führen möchte.
Trotzdem war es mir um die Zeit nicht schade: Die Geschichte hat einige nette Beschreibungen, und trotz des offenen Endes, schafft es Salinger doch wiedereinmal ein gewisses Gefühl der familiären Entfremdung zu vermitteln.
Nun folgt der zweite Teil des Buches und ich komme gleich zur Sache: "Seymour wird vorgestellt" ist ohne die Spur eines Zweifels das schlechteste, das Salinger in seinem schmalen literarischen Output veröffentlicht hat. Auf der anderen Seite ist es auch das einzig wirklich durchweg missratene, das Salinger veröffentlicht hat –verzeihlich ist das aber noch lange nicht. Diese kleine Erzählung ist ein so massiver Absturz, dass ich mich immer noch frage, ob sie wirklich von dem Mann stammt, der den "Fänger im Roggen" geschrieben hat.
Der im Salinger-Werk versierte Leser, weiss ja bereits, wie das Leben von Seymour Glass sein Ende nahm; von diesem Ausgangspunkt ist so eine Erzählung auch vielleicht gar nicht so uninteressant: Nun wird aber schon nach wenigen Sätzen klar, dass Buddy Glass hier als Alter Ego und literarischer Sachverwalter Salingers auftritt: Die Beschreibung des Bruders tritt vollständig in den Hintergrund, da der Erzähler lieber über den Literaturbetrieb und die unfähigen Kritiker herzieht, fragwürdige Witze über seine literarischen Zeitgenossen reisst und uns zwischendurch auch Seitenlang an seiner Vorliebe für Buddhismus und Meditation teilhaben lässt.
Wenn es dann um die eigentlichen Beschreibungen des Bruders geht, begnügt sich der Autor bei der Physiognomie und bei seiner Fähigkeit zum Murmelspiel. Warum komplizierte Gründe für den Selbstmord Seymours erfinden, wenn man ebenso gut Zeilen mit Beschreibungen von Nase und Händen füllen kann?
Von der ersten Zeile an schraubt sich die Erzählung in zähem Schneckentempo voran, da die ohnehin schon unergiebigen Reflexionen immer wieder unterbrochen werden, wenn es der Autor für angebracht hält, sich einzuschalten und den Leser wissen zu lassen, dass er nicht sonderlich viel von ihm hält. Es gibt dennoch einen schwachen Höhepunkt – eine Familienkrise, die von Seymour gelöst wurde – aber auch diese Gelegenheit lässt Salinger verstreichen: Buddy teilt uns mit, er würde diesen Vorfall nicht "im Detail" beschreiben – tatsächlich beschreibt er ihn dann aber überhaupt nicht.
"Dachbalken" mag belanglos sein, aber es gibt einige schwache Höhepunkte, und lesbar ist das ganze in jedem Fall; über "Seymour" hingegen lässt sich nichts Freundliches sagen: Die Erzählung ist uninspirierte, zurechtgebogene Selbstbeweihräucherung, die nichts aussagt und nichts erklärt. Selbst mit dieser Rezension lässt sich kaum ausdrücken, was für ein Ärgernis dieser Erzählband für mich war; und ich muss der Funktion dieser Bewertung eigentlich schon widersprechen wenn ich abschliessend sage: Die schauderhafte literarische Erfahrung von "Seymour wird vorgestellt" muss eigentlich von jedem Salinger-Fan selbst gemacht werden.