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Hebräisch: Sprache in Zeiten der Revolution
 
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Hebräisch: Sprache in Zeiten der Revolution [Gebundene Ausgabe]

Benjamin Harshav , Christian Wiese

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Produktinformation


Produktbeschreibungen

Neue Zürcher Zeitung

Revolution auf hebräisch

Eine Studie von Benjamin Harshav

Sprachwissenschafter mögen hinsichtlich der Entwicklung des Zionismus mit Recht fasziniert sein von der erfolgreichen Neubelebung des Hebräischen durch die Zionisten und von dessen rasantem Aufstieg zur offiziellen Sprache des Staates Israel. Ganz besonders trifft dies auf den Linguisten Benjamin Harshav zu. Nicht nur, weil er Israeli und somit in gewisser Weise an der «hebräischen Sprachrevolution» beteiligt ist, von der sein aufschlussreiches Buch «Hebräisch – Sprache in Zeiten der Revolution» handelt. Harshav ist auch Semiotiker, ein Wissenschafter also, der die Welt als offenes Zeichensystem auffasst, in dem der Sprache eine zentrale Bedeutung zukommt.

Nach Harshav schaffte die Wiederbelebung der hebräischen Sprache, also eines vielschichtigen Zeichensystems, die Voraussetzung für die Bildung der modernen israelischen Nation, die laut Harshav ohne die Sprachrevolution wohl so niemals zustande gekommen wäre. Gleichgültig ob man seine Auffassung teilt oder nicht, Harshav veranschaulicht in seinem Buch, wie wichtig für die zionistische Revolution die Erneuerung der – wenn auch nicht toten, so doch über Jahrhunderte hinweg im Alltag der europäischen Juden kaum relevanten – hebräischen Sprache war.

Enorme Belesenheit

Da der Autor nach eigenem Bekunden – anders als die Strukturalisten – nicht an die Existenz der Sprache als geschlossenes System glaubt, sondern vielmehr an semiotische Wechselbeziehungen zwischen Mensch und Gesellschaft, widmet er auch den ersten Teil seiner Studie den soziokulturellen Aspekten der Umwälzungen im Leben der europäischen, namentlich der polnischen und russischen Juden im ausgehenden 19. Jahrhundert, die bei der Verwirklichung des Zionismus ausschlaggebend waren. Hier ist wenig Neues zu erfahren, zumal Harshav sich häufig wiederholt, wenn er das «Polysystem» darlegt, eine Art kultureller Staat im Staat, den die Juden in Osteuropa durch ein Netz religiöser und erzieherischer Institutionen aufgebaut hatten. Harshavs enorme Belesenheit und sein flüssiger Stil machen dennoch die Lektüre dieses ersten Essays zu einem wahren Genuss, vor allem auch deshalb, weil der Autor ein vorzüglicher Kenner des Jiddischen und in der Geschichte des modernen Hebräischen ausserordentlich bewandert ist – eine Kombination, die unter israelischen Linguisten eher die Ausnahme ist.

In seinem zweiten Essay rückt Harshav souverän die historiographische Perspektive auf die Anfänge der hebräischen Sprachrevolution zurecht. Israelische Historiker tendierten bis in die letzten Jahre hinein dazu, die Erneuerung des Hebräischen vor allem mit der Figur Elieser Ben-Jehudas (1858–1922) in Verbindung zu bringen, um den ein romantisch-heroischer Mythos entstanden war. In Wahrheit jedoch war Ben-Jehuda ein eigenbrötlerischer Einzelkämpfer und wenig wirkungsreich – eine Art Don Quijote, der seine Familie mit seinem Sprachfanatismus terrorisierte und sie zwang, nur Hebräisch zu sprechen: kein leichtes Unterfangen in einer Sprache, die erst wiederbelebt werden musste. Ben-Jehudas Biographie ähnelt der vieler Einwanderer nach Palästina um die Jahrhundertwende.

Sie waren meist vom jüdisch-traditionellen Erziehungssystem in Osteuropa geprägt, hatten ein nichtjüdisches Gymnasium besucht und häufig auch ebensolche Universitäten. Die säkulare Ausbildung musste unweigerlich zum Bruch mit der Tradition führen. Wer sich nicht völlig assimilieren wollte, wurde Zionist. So half der Wechsel von der jiddischen Umgangssprache zur hebräischen den ersten zionistischen Pionieren, sich von der Diaspora abzunabeln. Doch dieser Prozess dauerte gemäss Harshav wesentlich länger, als es der israelische Mythos wahrhaben will.

Die althebräische Sprache wurde bis ins 19. Jahrhundert hinein im wesentlichen lediglich in der Liturgie und beim Studium der heiligen Schriften verwendet und war darüber hinaus in Form von Lehnwörtern auch im Jiddischen präsent. Erst während der Aufklärungszeit begannen vereinzelt jüdische Schriftsteller in Europa in Hebräisch zu schreiben. Mendele Mocher Sforim (1835–1917), ein ursprünglich jiddischsprachiger Erzähler, war der erste, der auch Dialoge auf hebräisch verfasste und somit eine erste Grundlage für die Neubelebung dieser Sprache schuf. Ein moderner Wortschatz musste aber erst noch erfunden werden. Ben-Jehudas Hauptbeitrag zu dieser Sprachrevolution war die Erneuerung hebräischer Wörter, die er ebenso wie seine Mitstreiter aus den traditionellen Schriften des Judentums schöpfte und umwandelte; und mit der Hebraisierung moderner Fremdwörter, die die gebildete Schicht der Spracherneuerer aus Europa mitgebracht hatte, wurde eine Voraussetzung für die Bildung einer modernen zionistischen Gesellschaft geschaffen.

Konsequent unvoreingenommen

Doch bis die sprachliche Revolution mit der völligen Hebraisierung der Alltagssprache ihren Sieg davongetragen konnte, sollten noch einige Jahrzehnte ins Land gehen – die erste Einwanderergemeinde in Palästina war zu klein und isoliert, um eine solche Wende herbeiführen zu können. Erst nach den Pogromen in Russland Anfang dieses Jahrhunderts und dem Scheitern der russischen Revolution von 1905 begannen viele sozialistische Zionisten nach Palästina auszuwandern. Jetzt wuchs allmählich eine grosse und idealistische Gemeinschaft zusammen, die es sich trotz grössten Schwierigkeiten zur Pflicht gemacht hatte, ausschliesslich die neue Sprache zu verwenden und sie in institutionalisierter Form auch der nächsten Generation zu vermitteln. Tonangebend bei der Vereinheitlichung des Neuhebräischen war die Kommission der Hebräischlehrer Palästinas, die 1903 den folgenschweren Entschluss fasste, der sephardisch-orientalischen Aussprache vor der aschkenasisch-europäischen den Vorzug zu geben, wodurch der Bruch mit der jiddischsprachigen Diaspora besiegelt war.

Damit das Neuhebräische aber zur offiziellen Landessprache avancieren konnte, bedurfte es noch des Wohlwollens der britischen Mandatsregierung, die in der Balfour-Deklaration ihre Zustimmung dazu gab und so den Weg für die Schaffung hebräischer Institutionen in ganz Palästina ebnete, aus denen schliesslich der Staat Israel hervorging. Harshavs Skizzierung dieser Sprachrevolution fesselt nicht nur durch das umfassende Wissen des Autors und seine Fähigkeit, komplexe Vorgänge – unter Verzicht auf sprachwissenschaftliche Fachsimpelei – anschaulich zu vermitteln, sondern nicht zuletzt auch durch die konsequente Unvoreingenommenheit, der man in der israelischen Historiographie zu diesem für das Selbstverständnis der Israeli so zentralen Thema nur selten begegnet.

Joseph Croitoru

Kurzbeschreibung

Zwei Ereignisse kennzeichnen die moderne jüdische Geschichte: die jüdische Revolution um 1881, als sich eine moderne jüdische Literatur auf hebräisch, jiddisch und in anderen Sprachen ebenso herausbildet, wie Ideologien und kulturelle Strömungen aufkommen, und die Neuschöpfung des Hebräischen als moderner, zeitgenössischer Sprache. Im Kern bedeutet die jüdische Revolution eine Neuschöpfung von Wörtern und Bedeutungen; es ist eine semiotische Revolution. Der Zionismus geht mit der Schaffung des modernen Hebräisch durch eine intellektuelle Avantgarde einher; der Entwurf einer neuen Gesellschaft, die tradierte Glaubensinhalte aufnimmt, sich aber zugleich in einem modernen Staat entfalten soll, geht Hand in Hand mit der Entwicklung und Reformierung des biblischen Hebräisch. Von daher entwickelt Harshav eine Theorie des "Zwillingssystems": Innerhalb und außerhalb des damaligen Palästina wird für das Land Israel ein gesellschaftliches, ökonomisches, staatliches Modell entwickelt und die hebräische Sprache neu geschaffen, ihr Wortschatz erweitert, ihre Grammatik reformiert. Benjamin Harshav zeichnet Stationen dieser Entwicklungen nach.

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