Und das im doppelten, vom Regisseur Michael Cimino sicher nicht beabsichtigten Sinne. Zum einen war er - das ist kaum zu übersehen - nachdem ihm United Artists angesichts seines Erfolgs mit "The Deer Hunter" (1978) knapp 11,5 Millionen Dollar zur Verfügung gestellt hatte, angetreten, um den Mythos vom Old West ad absurdum zu führen, und wer sich "Heaven's Gate" (1980) von Anfang bis Ende ansieht, der muß zugeben, daß ihm das gelungen ist, denn gegen die Illusionslosigkeit dieses Filmes wirken selbst die zynischen Italo-Western - "Il grande silenzio" vielleicht einmal ausgenommen - bei all ihrer Qualität wie spätpubertierendes Existentialismusgepose.
Zum anderen hat Cimino den Western wirklich nach Mordor verbannt, denn nach dem finanziellen Desaster - Ciminos Perfektionismus ließ das Budget des Filmes auf circa 44 Millionen Dollar ansteigen*, doch spielte der Film in den Vereinigten Staaten kaum 3,5 Millionen Dollar ein -, das über United Artists hereinbrach, galt der Western fortan als übelstes Kassengift. Erst in den 90er Jahren kam es zu einer nennenswerten, wenngleich zögerlichen Wiederentdeckung des Genres, und die Cowboys traten wieder aus dem Schatten Mordors hervor.
Warum wurde "Heaven's Gate" eine solche Katastrophe? Dafür mag es sicher mehrere Gründe geben. Zum einen wird das Thema des Filmes das Publikum überfordert haben - weniger intellektuell, als vielmehr emotional. Cimino erzählt die Geschichte zweier Männer aus der Oberschicht: Während James Averill (Kris Kristofferson) in den Westen geht und in Jackson County, Wyoming, Sheriff wird, wo er die Belange der armen Leute vertritt, verfällt sein Freund Billy Irvine (John Hurt) dem Zynismus und dem Alkohol und sieht sich als Opfer seiner eigenen Klasse. Als Mitglied der Viehzüchtervereinigung, die Jackson County von den kleinen Siedlern befreien will, weil diese ihre großkapitalistischen Interessen hemmen, spricht er sich zwar gegen die drakonischen Maßnahmen aus, die vom Vorsitzenden Clanton (Sam Waterston), durchgepeitscht werden - wie er sagt, sogar mit Billigung des Präsidenten -, doch er kann sie nicht verhindern und wird so zu ihrem bitteren, aber tatlosen Kommentator. Clanton heuert im Namen der Vereinigung 50 Killer an und stellt 125 Namen von kleinen Siedlern auf einer Todesliste zusammen, um zu einem regelrechten Vernichtungsfeldzug gegen die Siedler aufzurufen. Auch der Killer Nathan Champion (Christopher Walken) arbeitet anfangs für Clanton, doch als eine Gruppe von Söldnern die Prostituierte Ella (Isabelle Huppert), in die sowohl er als auch Averill verliebt ist, vergewaltigen, wechselt er die Seiten. Am Ende kommt es zu einer unbarmherzigen Schlacht zwischen den von Averill angeführten Siedlern und den mörderischen Kopfgeldjägern, die im letzten Moment durch das Eingreifen der Armee gerettet werden.
Der Kampf der anständigen armen Leute gegen die bösen Reichen muß - das verlangt schon das geschäftliche Interesse eines Filmproduzenten - in Hollywood immer zugunsten des kleinen Glückes enden, und am besten in einer Konstellation, die die Legitimation von Reichtum als solchem nicht zu sehr in Frage stellt. Dies allerdings geschieht in "Heaven's Gate" nicht. Cimino zeigt in der letzten halben Stunde seines Filmes Bilder, die man lieber nicht sehen möchte, wie das kaltblütige Massakrieren wehrloser Menschen durch eine bewaffnete Überzahl, die aber sehr wohl den Stempel des Realen tragen - auch wenn "Heaven's Gate" die tatsächlichen Begebenheiten des Johnson County War übertrieben darstellt. Das Leiden und der Untergang dieser kleinen Siedler und ihrer Familien hat eine ganz andere Qualität als der Zynismus in den Italo-Western, die durch ihren manieristischen Stil - ich sage dies nicht abwertend - gleichsam anzudeuten scheinen, daß es hier nicht um die Abbildung der Realität, sondern um ihre künstlerische Überzeichnung geht. Keinerlei Manierismus, kein Spiel mit der Form um des Spieles willen bei Cimino!
Auch Cimino arbeitet mit visuellen Kunstgriffen, doch sind sie nicht l'art pour l'art, sondern sie dienen seiner Geschichte. Das fängt bereits mit den blassen Farben, in denen der Film photographiert ist, an, wird durch das Fehlen leuchtender Farben doch deutlich gemacht, daß es um ein düsteres Kapitel, vielleicht sogar Prinzip der amerikanischen Geschichte geht. Außerdem drückt diese Art der Farbgebung auch aus, daß wir - dies wird im Epilog deutlich - die Erinnerungen Averills, eines desillusionierten, trotz seines Wohlstands unglücklichen und trotz seiner weiblichen Begleitung einsamen Mannes, teilen.
Eine erste beindruckende Szene ist dann der Moment, in dem ein Bauer, der gestohlenes Vieh schlachtet, von Champion durch ein aufgespanntes Laken hindurch erschossen wird. Die Kamera zieht uns in die Perspektive des sterbenden Mannes, der durch das in der Mitte zerfetzte Laken seinen Mörder vor einem blauen Himmel davonziehen sieht. Diese Einstellung scheint eine zynische Seitenbemerkung zum Titel des Filmes zu sein, denn das "Tor zum Himmel" - die Verheißung von einem Leben ohne Armut und Not, die die Siedler in den Westen gelockt hat - ist hier auf ein zerrissenes Laken reduziert, durch das ein Sterbender seinen letzten Blick nach oben tut.
Auch sonst dominieren in "Heaven's Gate" Bilder, in denen Rauch, Nebel oder - vor allem - Staub die in der Landschaft handelnden Personen zu ersticken drohen. Cimino stellt unsere Sehgewohnheiten auf eine harte Probe, indem er seine Hauptfiguren, wie etwa Averill, zu Beginn einer Einstellung in dem anonymen Getriebe der Menschenmengen in der Stadt untergehen läßt, anstatt sie sogleich durch einen auf sie konzentrierten Bildausschnitt hervorzuheben - wie in der Pionierzeit des Filmes, in der das Hauptgeschehen auch nicht immer im Bild zentriert war -, wodurch eigentlich schon die Machtlosigkeit eines einzelnen Menschen gegenüber den gesellschaftlichen Entwicklungen deutlich wird.
Ein weiterer Grund für den Schiffbruch dieses außerordentlichen Filmes dürfte, so hat es bereits ein anderer Rezensent gesagt, die Tatsache gewesen sein, daß "Heaven's Gate" infolge der Gerüchte über den Perfektionsdrang und sicher auch wegen der Ablehnung, die die von Cimino an den Tag gelegte Attitüde des jungen Genies erfuhr, sowohl von den Kritikern wie auch vom Publikum nicht unvoreingenommen beurteilt wurde. Eigenartig mutet hier wirklich die beckmesserische Bosheit an, mit der selbst renommierte und kluge Kritiker über diesen Film herfielen.
Ein von mir sehr gern gelesener Kritiker beispielsweise wirft dem Film unter anderem vor, er stelle die Einwanderer als Mob dar, ohne Gesicht und Individualität. Was man bei Cimino sicher nicht finden wird, ist verkitschte Walt-Disney-Armut. Armut ist nun einmal nicht schön und malerisch, und so finden wir in "Heaven's Gate" den sich stumpfsinnig voranschleppenden Siedlertreck, gebildet aus Menschen, die ihr Hab und Gut in Koffern oder aber auf von Hand gezogenen Karren mit sich tragen. Nein, keine Covered Wagons à la Cruze und Ford! Wir finden Frauen, die erschöpft vom Pflügen in die Ackerfurche fallen, Hahnenkämpfe, verschmutzte Gestalten und ein babylonisches Sprachgewirr (besonders im englischen Original, wo einige Siedler Deutsch sprechen). Aber wir finden auch den unvergeßlichen Rollschuhtanz, in dem deutlich wird, daß hier trotz aller Streitigkeiten und Widerstände ein aufrichtiger Wille zum Zusammenleben besteht.** So sieht beileibe keine gesichtslose Masse aus.
Ferner sei Kristofferson in seiner Rolle als Averill blutleer und zeichne sich, auch wenn er da sei, durch Abwesenheit aus. Genau dies ist aber auch typisch für einen gegen Windmühlen kämpfenden Protagonisten. Zudem liegt eine besondere Tragik in einem reichen Mann, der starke Sympathien für die Armen hegt, ihnen aber doch nicht helfen kann - aus der Perspektive der treuen Schergen Cantons wird das dann mit den Worten: "Do you know what I really dislike about you, Jim? You're a rich man with a good name. You only pretend to be poor" auf den Punkt gebracht.
Schließlich werden noch einzelne Szenen auf eine Art und Weise mißverstanden, die ich bei einem so klugen Kritiker nicht erwartet hätte. Warum Nate Champion seine Nachricht, in der er sich von Ella und seinem Freund-Feind Averill verabschiedet, seine letzten Worte in dieser Welt mit vollem Namen unterschreibt - muß man das wirklich jemandem erklären?
Ich glaube, daß dieser Film erst in den kommenden Jahren auf ein besseres, weil unvoreingenommenes Verständnis wird hoffen können. Sicher, er ist manchmal langatmig, neigt er doch sowohl zu Exkursen als auch einer gewissen Maßlosigkeit, aber wenn ich ein Werk der Weltliteratur nennen müßte, auf das dies ebenfalls zutrifft, so würde mir ohne viel Federlesens Victor Hugos "Les misérables" einfallen - ein Buch, für das man einen langen Atem benötigt, das aber jedwede Anstrengung lohnenswert macht. So auch dieser Film!***
* Allein der Blumenschmuck, den die Studenten im Prolog des Filmes von einem Baum reißen, hat 100.000 Dollar gekostet.
** An dieser Stelle sei ausdrücklich auf den elegisch-zauberhaften Soundtrack und die gefühlvolle Tanzmusik von David Mansfield, der im Film selbst als Geiger zu sehen ist, hingewiesen.
*** Allerdings wäre eine etwas würdevollere DVD-Ausgabe wünschenswert, die Hintergrundinformationen böte.