Es ist eine Krux mit der Weiterentwicklung von Bands. Rechtmachen kann man es ja eh nie allen, die einen möchten ihr Lieblingsalbum immer wieder unter anderem Namen aufgenommen und veröffentlicht haben, den anderen kann es mit der Weiterentwicklung nicht schnell genug gehen da sie sich die Maxime "Stillstand ist der Tod" auf ihre wehenden Fahnen geschrieben haben. Was macht man nun als Post-rock Quartett, zwischen den Fronten der (ungerechterweise viel zu wenigen) Anhänger die fanatisch mit ihren Erwartungsrasseln auf einen zustürmen? Davonfliegen, nicht mehr und nicht weniger schaffen die bärtigen Mannen auf ihrem mittlerweile dritten Album (wenn man Seclusion mal als EP ansieht) das so sanft und so gespalten geworden ist wie keins zuvor.
Aereogramme waren immer eine Band bei der man wusste, wenn es einen schönen Moment gibt, würde meistens eine Kracheskapade daraufhin folgen um den Zwiespalt und gewissermaßen auch die "Fuck you" Attitüde zu verdeutlichen, es war wie ein stetiges Pendel. Aber dieses Mal ist alles anders, sie halten die Zeit kurz vorm Zusammenprall der beiden Lager an, gerade dann wenn das Pendel in die schöne, ausufernde, meinetwegen auch eher "leise" Richtung ausschlägt und bringen alle zum Schweigen und andächtigen Zuhören. Dies kann man quasi als ihre Definition eines Popalbums mit den typischen bitteren Texten beschreiben, bis auf ein paar Ausbrüche werden meistens riesige Melodiebögen mit den erfahrenen Songwriterhänden gespannt und nach Belieben gebogen und geformt ohne jemals zu zerreißen, die Songs sind alle wie aus einem Guss von unglaublich hoher Qualität, aber jeder mit einer anderen Facette, einem anderen Aspekt die sich am Ende dennoch wie ein gutes Buch zusammenfügen das man gar nicht mehr aus der Hand/Hosentasche geben will. Ähnlich wie ihre Landsmänner Mogwai konzentrieren sich Aereogramme hier nicht mehr auf die Auslotung alter Dinge sondern voll und ganz auf einen bisher ihrer Meinung nach zu kurz gekommenen Aspekt, des Pops. Das ist zwar immer noch Welten von den Tausend selbsternannten Rettern eben dessen entfernt, aber gerade deswegen viel näher am Herz der Sache dran. Man möchte aufspringen, nach ihnen und allem in der Welt greifen und gleichzeitig eine Träne aus dem Auge herausdrücken. Es gibt kein Geschrei und kein Gitarre zerschmettern mehr, viel mehr regiert hier die äußere Schön- und innere Traurig-keit, die Trauer wird viel mehr noch mehr in den Melodien, dem Gesang und den Text-pinseln ausgedrückt als mit der Krawall-Brechstange. "I thought I was open, but I was closed. I thought I had answers, to show the world" ("The running man").
Craig B singt so unglaublich gut, so klar und zerbrechlich bewusst wie noch nie zuvor, die EP mit ISIS war eine zarte Andeutung wozu dieser Mann fähig ist, aber er ,richtig, überfliegt diese. Überhaupt, "Low tide" hätte, gekürzt und mit etwas mehr Würze in der Instrumentierung, auch auf die CD gepasst. Und so möchte man die Arme bei "A conscious Life For Coma Boy" oder "Barriers", der ersten Single, zum Dirigieren der Geigen und zum Flug ausbreiten. "So let me tell the truth, let me come live, let me build bridges into your life". Ihre Melodien lassen sie dieses mal ungebremst auf die Welt los, in Interviews wurde angekündigt dass sie es satt hatten mit dem Laut-Leise Schema zu spielen. Die Krachbrüder haben die bittersüße Liebe entdeckt und verbreiten sie offenkundig mit Streichern, Klavier, Glocken, Querflöte und den etwas spärlicher vertretenen Krachgitarren dazu, die nicht alle gegen- sondern miteinander spielen um den großen Gefühlsorkan im Hörer herbeizurufen. Und um gleichzeitig traurige verzweifelte Zeilen wie "So tell me, just what are these gifts that you bring? This life is amazing, but the colors keep changin" die so gar nicht dazu passen wollen, und sie uns dann doch wieder zu sich, zurück auf den Boden der Tatsachen holen, aber dennoch geht es sich etwas leichter als zuvor, Sie und wir sind auch nur Menschen, zum Glück, aber sie erschaffen Songmonumente die fast nicht von dieser Welt sind, schon gar nicht im Aereogramme'schen Kosmos Platz finden würden. Dieses Album ist gespickt mit mehrstimmigem Gesang und band-untypischen Instrumentierungen, dass es eine Freude ist die Lieder immer wieder zu hören und neue Nuancen und Feinheiten zu entdecken, wie ein Gemälde von Monet dass zuerst wunderschön, bei näherer Betrachtung (der Texte) undeutlich, und dann doch wieder in seiner Gesamtheit wunderbar wird. So möchte man den Kopf schütteln weil man nicht glauben kann wie sanft und prickelnd die Elektronikfunken von "The running man" im Gehörgang glitzern und gleichzeitig nicht wahrhaben was gerade mit einem passiert, so unglaublich einnehmend sind die Songs dieses Mal. Und sich dabei zu erwischen, wie man sich ,am Ende der CD bei "You're always welcome", wenn die Schotten mit den Geigen und Hörnern Hand in Hand gehen, fragt "Kann das sein? Haben sie die Formel für den perfekten Indie-Popsong gefunden? Es gibt keinen einzigen schwachen Moment auf der Platte?" Ja. Sie singen wir seien jederzeit willkommen. Irgendwie kann man das nicht glauben, wir rechneten die ganze Zeit mit einem Paukenschlag oder einem Rausschmiss, aber nein. Sie meinen es ernst. Und so unglaublich erfreut man über diese Band ist, so sehr schmerzt es dann auch wenn die CD schon nach 47 Minuten ein Ende findet, eine der wenigen Kritikpunkte.
9/10
Anspieltipps: Barriers, Finding a light, Trenches, The running man