Mit dem Album "Head Music" erfindet sich die Band 1999 - nach den Stationen Glam, Pathos und Pop - zum ersten Mal nicht neu. Jedenfalls in meiner Erinnerung war diese CD Suedes bedeutungslosestes Album. Ich nehme die Deluxe Edition zum Anlass, das von mir seinerzeit nicht sehr geliebte Album neu schätzen zu lernen. Heute erscheint mir Suedes vierte Platte innerhalb von sechs Jahren als weiterer Schritt in die auf "Coming Up" eingeschlagene Richtung. Meine vage Sehnsucht, dass der Sound der Band nach "
Coming Up" zurück Richtung "
Dog Man Star" oder dem Debüt "Suede" gehen könnte, wurde damals enttäuscht, alles in allem fand ich das Songmaterial - mit Ausnahmen - eher langweilig. Für mich der Tiefpunkt der Bandkarriere - auf hohem Niveau.
Das Album ist und bleibt kein Meilenstein. Mit dem Abstand von 12 Jahren sind das dennoch alles mindestens ganz passable Songs, und das sind unverkennbar Suede. Mit Licht und Schatten. Zwar kann ich heute nach wie vor z.B. die zuckersüßen Synthi-Streichersequenzen von "She's In Fashion" nicht ausstehen; andererseits befindet sich beispielsweise der großartige Rocktrack "Can't Get Enough" auf "Head Music".
Diese "Deluxe Edition" vereint neben ein paar lupenreinen Perlen wohl das insgesamt schlechteste Material der Band und bietet jenseits der B-Seiten - im Vergleich zu den Editionen der ersten drei Alben - weniger Extras.
Sie ist damit für Fans als Wiederveröffentlichung im Prinzip unwichtig, wegen der B-Seiten aber unverzichtbar für jeden, der die Maxi-Auskopplungen zu "Head Music" noch nicht kennt. (Für Sammler, die einfach alles haben wollen, gilt immerhin: ein einigermaßen hochwertig produzierter Aufguss. Und wer das Album noch gar nicht kennt, kann ohnehin getrost zur "Deluxe Edition" greifen.)
Sie haben noch Zeit? Dann die "Deluxe Edition" im Detail:
REMASTERED?
Herzlichen Glückwunsch an alle, die im Klang Unterschiede zwischen den vorliegenden Stücken und den Originalen ausmachen können. Bei vielen Stücken höre ich KEINEN Unterschied, bei einigen Titeln scheint es winzige Änderungen im Klangbild zu geben. Das gilt so auch für die B-Seiten.
B-SEITEN - UND MEHR
Eins hat die "Deluxe Edition" von "Head Music" denen der ersten drei Suede-Alben voraus: Die B-Seiten werden erstmals auf CD wiederveröffentlicht und sind zuvor noch nicht gesammelt erschienen: Die 16 B-Seiten dieser "Deluxe Edition" lohnen allein dadurch für viele Fans, die nicht jede einzelne alte Maxi kennen, weit eher als z.B. die gleiche Anzahl von B-Seiten auf der Deluxe-Edition von "Coming Up". Das ist der leise Fluch der fantastischen Doppel-CD "
Sci-Fi Lullabies", der auf den "Deluxe Editionen" der ersten drei Suede-Alben lag. Diese Edition von "Head Music" punktet hiermit klar.
Und Suede haben auch zu den "Head Music"-Auskopplungen B-Seiten auf hohem Niveau produziert, auch wenn leider nicht mehr so viele überragende Stücke dabei sind wie in früheren Jahren. Zum großen Glück funkeln aber auch zu "Head Music"-Zeiten Perlen; wieder spielen Suede mit einigen Songs in der Oberliga des Songwriting. (Die Band hätte recht mühelos statt fünf regulären Studio-Alben auch zehn herausbringen können, wenn sie statt der B-Seiten jene Songs zu eigenen Alben gebündelt hätte.)
Drei B-Seiten-Anspieltipps: "Leaving", "Implement Yeah!" - und die vielleicht schönste Ballade von Suede: "Waterloo". Die originale "Electricity"-B-Seite wurde hier zwar eine halbe Minute früher ausgeblendet, aber zum Glück wird das Lied dadurch nicht wirklich beschädigt. Auf dieser Deluxe Edition finden sich (anders als bei der zu "Coming Up") keine klammheimlichen Grausamkeiten in Form von Kürzungen (Edits) der Originale. Doch, eins fällt mir noch auf, aber auch dies ist nicht wirklich der Rede wert: bei "Implement Yeah!" wurden am Ende 3 Sekunden Dialog abgeschnitten. Sehr undramatisch. :)
Was die B-Seiten betrifft, könnte man von den den alten Maxis hier vielleicht noch ein paar Remixe aus der Zeit wie etwa "Everything Will Flow (Rollo's Vocal)" oder "She's In Fashion (Lironi Version)" vermissen, zumal (oder obwohl?) Remixe nicht gerade Suede-typisch sind. Ein paar Minuten hätten sich noch auf die nur fast bis zum Anschlag gefüllte zweite CD quetschen lassen. Leider fehlt neben leichter verschmerzbaren Remixen auch "Weight Of The World". Wie auf der Deluxe-Edition zu "Coming Up" fehlt also wieder ein Codling-Song. Warum bloß? Wenigstens darf man sich auf hier über "Waterloo" freuen.
DIE DEMOS
Gerade mal vier Demos gönnt man uns, so wenig wie auf keiner Suede-Deluxe-Edition zuvor. Schade.
- Die Demos starten mit "Brett's Original 8 Track Demo" von "Indian Strings" - mit total übersteuertem Gesang. Nicht gerade "Deluxe". Stattdessen wäre die manchem vom Fanclub-Abschieds-Sampler bekannte "Protocol Version" hier wohl die bessere Wahl gewesen.
- Die anderen drei auf der "Deluxe Edition" von "Head Music" veröffentlichten "Protocol Demos" sind recht hörenswerte Varianten. Man ist sich spätestens beim zweiten Demo sicher, dass "Head Music" überzuckert wurde - Gitarre, Bass und Drums gehören rauf, die Keyboards hätten nicht als Teppich eigesetzt werden dürfen, sondern nur Akzente setzen.
Auch bei dieser Deluxe Edition wäre für mich stimmiger gewesen, die originalen Albumstücke auf der ersten CD mit B-Seiten statt mit Demoversionen zu vervollständigen.
EXTRA TRACKS
- Die Ballade "Heroin" erschien erst 2003 mit dem Vermerk "B-Side Session 1999" offiziell als B-Seite zur "
Singles"-Single :) "Attitude". Genau diese Fassung findet sich hier.
- Schön, dass "Poor Little Rich Girl" vom Sampler "
Twentieth-Century Blues: The Songs of Noel Coward" hier dabei ist.
Wieder gibt es bei den "Extra Tracks" EINEN unveröffentlichten Song. Wohl dosiert fragt man sich als Fan bei der mittlerweile vierten Deluxe Edition, warum nicht mehr unveröffentlichte Songs drin waren. Diesmal hat der "neue" Song "Music like sex" immerhin Studioqualität. Der Song ist keine Offenbahrung, hat aber was. Man kann sich für diesen Bonus brav bedanken.
Oben habe ich ja schon die hier fehlenden Remixe angesprochen. Eine ganze andere Frage stellt sich: Warum gibt es eigentlich keine NEUEN Remixe? Das wäre doch auch eine schöne mögliche Zugabe ganz neuen Materials gewesen. Davon leider auf keiner der "Deluxe Editionen" eine Spur.
BOOKLET
Wie bei den "Deluxe Editionen" der drei Vorgänger-Alben ein feines Booklet: 32 bunte Seiten, eine sehr kurze Einleitung von Brett Anderson, Cover-Bilder inklusive Alternativen, ein paar weitere Fotos aus der Zeit, Angaben zu den Stücken auf den CDs und DVDs - und die Texte zu den 13 Albumstücken UND 15 B-Seiten UND "Heroin" UND dem "neuen" Song "Music Like Sex". Spitze, dass hier im Gegensatz zu den drei vorherigen "Deluxe Editionen" der zuvor unveröffentlichte Track endlich auch mit abgedrucktem Text daherkommt.
Übrigens weiß ich sehr zu schätzen, dass bei allen B-Seiten und Extra-Titeln (aller "Deluxe Editionen") vermerkt ist, wie sie bereits erschienen sind: "Originally released as a b-side of ...".
DVD
Ich fange die DVD an ihrem Ende (mit dem Interview) an: Wieder mit Brett Anderson, Neil Codling und Richard Oakes. Diesmal ist das das Interview statt der knappen halben Stunde auf den ersten drei "Deluxe Editionen" nur noch eine knappe VIERTEL STUNDE lang. Diesmal reden sie (Brett wieder mehr im Mittelpunkt, während sich Richard und Neil etwas zurückhalten) über Marketing, B-Seiten, die Songauswahl, über "Head Music" als "the dark album" (was ich nicht wirklich nachvollziehen kann, was die Äußerung aber eher umso interessanter macht) und "the electronic album" und die veränderten Prozesse bei der Entstehung der Songs - weniger Gitarre, weniger Proben, mehr Programmierung. Nicht unspannend.
Ich habe diese Scheibe früher nie so sehr als "the electronic album" wahrgenommen. Wenn ich "Head Music" heute endlich mal wieder konzentriert höre, werde ich durchaus belohnt: Ich entdecke viele feine Keyboard-Akzente, die absolut zeitlos sind. Die Hörgewohnheiten ändern sich. Mir gefällt die Platte heute durchaus besser als vor 12 Jahren.
Aber nur eine knappe viertel Stunde? Schade, zumal die DVD nicht wirklich randvoll ist. Wieder kein HD, kein 5.1, und so wenig Videos und Live-Material wie auf keiner "Deluxe Edition" davor: Gab es bei "
Suede" noch 25 Songs live, sind es bei "Head Music" nur noch 9.
Immerhin gibt es nochmal über vier Minuten "making of head music" als Video auf der DVD. Man ist danach doch erstaunt, wie wenig der damaligen Experimentierfreude man dem Album am Ende anhört.
Live gibt es übrigens zur Einstimmung (hier "Bonus Video" genannt) eine niedliche Aufnahme vom James-Bond-gleichen "She" des Vorgängers "Coming Up" aus Paris, bei der Diva Anderson sich notgedrungen und grinsend von Teenagermädchen beknuddeln lässt.
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