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Da muss man mal hinhören: Lyrik? Wynton rezitiert? In der Tat: das neue Album
He And She hat ein konkretes Programm – Mann und Frau. Und dann die Musik: charaktervoll und vielfältig, raffiniert. Da muss man mal hinhören. Viel ¾ Takt – Wynton Marsalis stellt die Zahl drei in den Mittelpunkt seiner Betrachtung: ein Mann, eine Frau, und ihre Beziehung zueinander – you, me, and you and me, das macht zusammen drei. Zwischen den ausdrucksstarken Kompositionen spricht Wanton Marsalis, liest Passagen aus seinem Gedicht zum Thema Liebe: konzentrierte Zeilen, starke, sofort verständliche Bilder, schnörkellos. Wer hätte gedacht, dass der weltberühmte, traditionsverliebte Jazztrompeter auch ein begnadeter Lyriker ist? Man muss wirklich mal hinhören: in welch neckischer, possenhafter Manier Marsalis das Freche, das Verspielte in der Liebe musikalisch umsetzt. Wie es, ohne festes Tempo, flirrt, gruselig, aber nicht hoffnungslos, wenn die Ängste eines Paares gemeint sind. Wie die erste Liebesnacht erklingt: wunderbar und stressgeplagt, ein warmer, romantischer Tango, überlagert von einem schnellen, nervösen Bläserthema.
Wynton Marsalis und sein Quintett mit Walter Blanding (Saxofon), Dan Nimmer (Klavier), Carlos Henriques (Bass) und Ali Jackson (Schlagzeug) tanzen sich mit viel Bluesanteil und unzerstörbarem swing-Feel durch die manchmal Kurt Weill-artigen Darbietungen: kantige Wendungen, schräge Bläsersatze, harmonische Unwägbarkeiten. Es geht auch um die Aussöhnung von Gegensätzen in Wyntons Gedicht. Kontraste in der Musik führen nie zum Eklat. Alles gehört zusammen. Die stärkste Nummer heißt „The Razor Rim“: vielschichtig und komplex angelegt, stets verständlich, hervorstechende Soli von Marsalis und Blanding. Alles bleibt positiv in dieser intensiven Aufführung: es ist eine Liebeserklärung an die Liebe. - Katharina Lohmann