Um es sogleich zu sagen: Mit dieser Aufnahme hat Hamelin sich bei Kennern keinen guten Namen gemacht. So kommentiert z. B. Peter Cossé auf klassik-heute:
"Dem Übervirtuosen, dem schweißfreien Meister des Allerschwierigsten, dem Raritätenfresser ohne jede künstlerische Magenbeschwerde - ihm ist eine Folge von Sonaten aus den fähigen Fingern gerutscht, die sich im bedenklichsten Sinn durch Schnelllebigkeit und Flüchtigkeit auszeichnet. Das geht dahin wie im klavieristischen Gleitflug, als ob die Musik des Esterházy-Angestellten nichts, aber auch gar nichts an Affekten, an schönen Heimlichkeiten, an prickelnder Nervosität, an lauschigen Überraschungen und modulatorischen Ecken und Kanten zu bieten hätte. Eingeebnet in der Dynamik, einförmig in der Ton- und Farbgebung - so zieht Hamelin seine Bahn durch die - hier nun weitgehend unbeachteten - Schönheiten von zehn Sonaten, zerquetscht die maßgebenden Themen und Motive, erhebt Atemlosigkeit und ratternde Rasanz zum Übermittlungsprinzip, als wollte er sich nach zahlreichen Projekten neueren Schaffensdatums einer lästigen Aufgabe entledigen." (31.05.2007)
Ich muß zugeben, mich nach wiederholtem Anhören der Einspielung diesem Urteil nicht ganz anschließen zu können. Gewiß, Hamelin kommt nicht an die Eleganz eines Andras Schiff, nicht an den Witz Alfred Brendels heran. Aber ihm solche Qualitäten gänzlich abzusprechen, ist ungerecht.
Zunächst: Von einem Abspulen der Haydn-Sonaten kann nicht die Rede sein. Hamelins Tempo-Wahl geht in den schnellen Sätzen selten über die z.B. Alfred Brendels hinaus. Auch verfällt er nicht der für ihn, den bewährten Interpreten pianistischer Monströsitäten und Schlachtrösser, gewiß naheliegenden Versuchung, einen Haydn à la Alkan oder Medtner zu spielen. Es ist gerade die gewisse (doch keineswegs zur Schau gestellte) Bescheidenheit, mit welcher der Hypervirtuose hier beeindruckt.
Hamelin gelingt es hervorragend, jede Sonate in ihrem eigenen Charakter hervortreten lassen, von der früheren und schlichteren in G-Dur bis zur gewaltigen Es-Dur-Sonate, mit der er gewiß nicht an Brendel, auch nicht z.B. an Kissin, herankommt, die aber in sich als gelungen gelten darf. Froh ist man über die schöne Darbietung der C-Dur-Sonate, deren humorvollen Schlußsatz Hamelin überzeugend vorführt und wundervoll beiläufig-abrupt enden läßt.
Die Aufnahme, die uns mit bester Klangqualität verwöhnt, wird keine neue Haydn-Referenz sein können; dafür sind die Maßstäbe der genannten und einiger weiterer Haydn-Spieler zu hoch. Aber Hamelins Interpretation ist dennoch mehr als bloßes Mittelmaß, mehr als eine Pflichtübung oder Demonstration des "Das kann ich übrigens auch" - vielmehr bietet die empfehlenswerte Doppel-CD ein beredtes Zeugnis der ernsthaften und gelungenen Auseinandersetzung eines Klaviergiganten mit einem Repertoire, das nicht das Zentrum seiner Arbeit bildet und eben ganz andere Anforderungen stellt als Godowsky, Busoni und Kapustin.