Wenn wir an Leonard Bernstein denken, werden den meisten von uns sofort die Namen Beethoven, Brahms und - vor allem - Mahler in den Sinn kommen. Dabei war Bernstein ein mindestens ebenso großartiger Interpret der Kompositionen Joseph Haydns! Die auf dieser CD zusammengestellten Aufnahmen ergeben eine Einspielung von außergewöhnlicher Festlichkeit und Eleganz bei gleichzeitigem Tiefsinn und geistiger Strenge. Nehmen wir die Sinfonie Nr. 92 als ein Beispiel (Disc 1, Titel 5-8): Das auch als "Oxford-Sinfonie" bekannte Werk komponierte Joseph Haydn im Jahre 1789. Es hat mit der vorangestellten Nr. 88 die Tonart G-Dur gemeinsam. Vielleicht wählte Haydn es wegen seines Reichtums an kontrapunktischen Gedanken für die Feierlichkeiten zu seiner Ehrenpromotion in Oxford aus, die dieser Sinfonie ihren Beinamen gaben. Mit bemerkenswerter Präzision durchleuchtet Bernstein das filigrane Gewebe der Haydnschen Partituren, und die Wiener Philharmoniker folgen ihm dabei mit großer Virtuosität, aber auch voller Wärme und Empfindung. Bernsteins Behandlung des Orchesters ist von hoher Kultur. Hier zeigen sich alle Vorzüge des berühmten Ensembles. Hören Sie nur einmal auf die Streicher - die Instrumente werden getreu ihrer ganzen farblichen Vielfalt wiedergegeben!
Ein weiterer Glanzpunkt dieser Box verdient besonders hervorgehoben zu werden: Leonard Bernstein galt Zeit seines Lebens als äußerst beflissen darin, sich intensiv - und extensiv! - mit einer Komposition auseinanderzusetzen, bevor er sie zur Aufführung brachte. Zugleich war er ein Mann der großen Gefühle. Keine schlechten Voraussetzungen, um Haydns "Schöpfung" zu dirigieren, das ergreifende Voranstreben vom Tohubawohu ins Licht und in die unbeschreibliche Harmonie der Welt vor ihrem Fall! Der hier wiederveröffentlichte Konzertmitschnitt vom Juni 1987 aus dem Herkules-Saal im München zeigt einen lebhaften Dirigenten gemeinsam mit einem erstklassigen Chor und hervorragenden Solisten, die ihre gesanglichen Leistungen nicht gegen das gut aufeinander eingespielte Orchester durchsetzen müssen, sondern in einzigartiger Weise von ihm "getragen" werden. Judith Blegen verleiht dem Gabriel eine bezwingend schöne Stimme. Sie singt lieblich und sehr nuanciert. Wem geht das kindhafte Staunen des Erzengels über das Wunder des ersten Tages nicht zu Herzen? Thomas Moser überzeugt mit gewohnter Sicherheit. Sehr kraftvoll und energisch meistert er die hohen Anforderungen, welche der Part des Uriel an ihn stellt. Mit Kurt Molls sonorem Timbre ist für den Bass die ideale Besetzung des Rafael gefunden. Lucia Popp, Sopran und Kurt Ollmann, Bariton (Eva und Adam) vervollständigen adäquat das Ensemble der Solisten. Was das Sinfonieorchester des Bayrischen Rundfunk anbelangt, sorgen vor allem die Bläser immer wieder für fesselnde Momente. Sie leisten ihr Zutun in glänzend abgestimmter, würdevoller Manier. Nicht zufällig findet diese Aufzeichnung noch heute viele enthusiastische Liebhaber. Sie gehört mit einigem Abstand zu den bedeutendsten Aufnahmen, die Bernstein für die DGG eingespielt hat.
Man kann nur bedauern, dass vergleichsweise wenige unter Leonard Bernsteins Dirigat aufgeführte Haydn-Werke auf Tonträgern veröffentlicht worden sind. Diese Aufnahmen indes haben auch heute ihre Gültigkeit, mag das Angebot der verfügbaren Einspielungen mittlerweile noch so groß sein.