Diese CD enthält:
1. Joseph Haydn: Cellokonzert in C-Dur, Hob. VIIb: 1
2. Joseph Haydn: Cellokonzert in D-Dur, Hob. VIIb: 2
3. (Joseph Haydn): Cellokonzert in D-Dur, Hob. VIIb: 4 (früher Haydn zugeschrieben)
Interpreten: Gautier Capucon (Cellosolist), Daniel Harding (Dirigent), Mahler Chamber Orchestra
Die Aufnahme stammt von 2002.
Booklet: Dreisprachig (auch Deutsch), enthält einen kurzen, informativen musikwissenschaftlichen Aufsatz über die Werke, keine Informationen über Solist, Dirigent, Orchester und Komponist der Kadenzen
Die Cellokonzerte in C-Dur und D-Dur aus der Feder Joseph Haydns gehören zum Standardrepertoire der Celloliteratur, weswegen ich meine Ausführungen über sie kurz halten möchte. Die Zahl der Einspielungen dieser wundervollen Konzerte ist Legion. Kein Cellist, der etwas gelten will, kann es sich dauerhaft leisten, einen Bogen um Haydn zu machen.
Das C-Dur-Konzert entstand vermutlich um 1762-65 für Joseph Weigel, den Solocellisten der Hofkapelle am Esterhazy'schen Hof, das Original-Autograph ist bis heute verschollen, jedoch fand sich im Jahre 1961 eine Kopie in Prag, die den Siegeszug dieses Konzerts ermöglichte, das schnell die Herzen der Klassikfreunde eroberte. Es war das erste Konzert, das geschrieben wurde, bei dem Cellisten den Daumen fest auf dem Griffbrett des Bogens plazierten, wodurch schnellere Wechsel und Oktavsprünge besser möglich wurden.
Das D-Dur-Cellokonzert dürfte Ende der 70er/Anfang der 80er des 18. Jahrhunderts entstanden sein. Haydn schrieb es für Weigels Nachfolger, Anton Kraft, dem es aufgrund eines falschen Lexikoneintrag aus dem 19. Jahrhundert lange Zeit zugeschrieben wurde. Kraft nahm bei Haydn Kompositionsunterricht, wofür er sich revanchierte, indem er Haydn über technische Möglichkeiten und Unmöglichkeiten des Cellospiels belehrte, was dazu führte, dass das D-Dur-Konzert weitaus virtuoser und technisch anspruchsvoller als das C-Dur-Konzert ist und auch insgesamt für Haydn eher ungewöhnlich virtuos angelegt ist. Es steckt viel Kraft in diesem Konzert, könnte man kalauern.
Das vierte Cellokonzert nach der Zählung Anthony van Hobokens stammt mit großer Wahrscheinlichkeit nicht aus der Feder Haydns. Dafür spricht u.a., dass es in keiner seiner Aufzeichnungen über sein Schaffen auftaucht. Des weiteren wäre es stilistisch untypisch für Haydn - der zweite Satz steht in h-moll und wäre damit der einzige Concerto-Satz Haydns in dieser Tonart. Der wahre Urheber des Stücks ist nicht ermittelt.
Qualitativ fällt es meines Erachtens etwas ab gegenüber den Originalkonzerten Haydns, was allerdings nicht weiter verwunderlich ist, da ich diese für absolut herausragend halte. Die Ecksätze, beide mit Allegro bezeichnet, enthalten fröhliche, einfache Melodik, das Adagio beginnt mit einer relativ schwungvollen Einleitung, bevor es nach Einsetzen des Cellos dann etwas kontemplativer wird. Insgesamt eine interessante Ergänzung des gängigen Repertoires, erinnert entfernt ein wenig an Boccherini.
Neben Daniel Müller-Schott und Sol Gabetta ist Gautier Capucon sicherlich der populärste der jungen Cellisten-Garde. Wie Sol Gabetta Jahrgang 1981 studierte Capucon am Concervatoire Supérieure in Paris und besuchte ab 2000 die Meisterklasse von Heinrich Schiff. Unter seinen CD-Einspielungen möchte ich insbesondere auf die sehr gelungene Einspielung des Dvorak-Konzerts sowie des Konzerts von Victor Herbert mit dem hr-Sinfonieorchester unter Paavo Järvi hinweisen.
Haydn interpretiert Capucon sehr feinfühlig und fast etwas zurückhaltend. Dies fällt nicht nur im Adagio des C-Dur-Konzerts auf, sondern ist auch mein Eindruck vom 1. Satz, den man z.B. von Rostropovitch, aber auch von Sol Gabetta deutlich offensiver kennt. Mir fehlt bei Capucon hier etwas der letzte Pepp, wobei man umgekehrt sagen könnte, dass ich Show-Effekte der genannten anderen Interpreten gewöhnt bin und Capucon dem Moderato-Satz deutlich gerechter wird. Allerdings vermisse ich den letzten Schuss Temperament auch im Finale. Dennoch: eine sehr gelungene Darbietung. Capucon hat einen runden, angenehm weichen Ton. Passagenweise hört man den Solisten recht laut atmen, wie es ja auch Besucher seiner Konzerte immer wieder berichten. Störend wirkt das auf mich keineswegs, sondern menschlich. Außerdem zeigt es die Anstrengung, was mir wiederum deutlich macht, dass der Solist nicht ein die Werke runterspielt, sondern wirklich voll bei der Sache ist.
Beim D-Dur Konzert bietet sich das gleiche Bild: ein weicher, feinfühliger, inniger Solist ist hier am Werk, dem Effekthascherei jeder Art fremd zu sein scheint - auch die Kadenz im ersten Satz, leider ist nirgends zu erfahren von wem sie - stammt ist eher kontemplativ.
Also alles zu ruhig? Verklärter, vergeistigter Haydn? Nein, keineswegs. Insgesamt wirken alle 3 Konzerte fröhlich und kraftvoll. Capucon agiert hier nicht als Solist, der sich in den Vordergrund spielt. Teilweise habe ich fast den Eindruck, dass der Schwung vom Orchester kommt und durch den Solisten nur aufgenommen wird.
Die Chemie mit Orchester und Dirigent scheint bestens zu stimmen. Das Orchester ist ausgezeichnet disponiert. Sie spielen einen schwungvollen, transparenten, schlanken, tänzerischen Haydn. Auffällig, weil doch eher selten: man hört deutlich die Continuo-Begleitung am Cembalo - für mich ein Pluspunkt, wie ich überhaupt (schon mal vorweg für alle 3 Konzerte) sagen muss: ich bin sehr positiv überrascht, wie gut Harding offenkundig mit Haydn umgehen kann. Kompliment an Dirigent und Orchester.
Insgesamt sehr gute Leistungen und eine hervorragende Alternativ zu Rostropovitch, der für mich nach wie vor der Maßstab - vor allem beim D-Dur-Konzert ist. Großen Respekt vor Capucon und Harding. Ich kann diese CD nur wärmstens empfehlen.