Hatte Cocker auf "Night Calls" bezüglich der Songauswahl und der Einspielungen noch recht unbeteiligt auf mich gewirkt, war er 1994 bei "Have a little Faith" wieder voll da. Das lag an drei Faktoren: Cocker hatte seine Band - bis auf seinen alten Freund aus der Anfangszeit, Chris Stainton - komplett ausgetauscht, er schien an der Songauswahl mit dem Herzen beteiligt gewesen zu sein, und so sang er sie auch: unter den 13 Songs ist kein einziger Ausfall zu finden, und Balladen und Rocker halten eine ausgewogene Balance. Einen der stärksten Songs auf dem Album, Angeline, schrieb er gemeinsam mit Tony Joe White, was sein Engagement umso mehr verdeutlicht, als er nur alle paar Jahre als Co-Autor in Erscheinung tritt.
"Have a little Faith" warf gleich vier Singles ab, die das Album eröffnen: den Titelsong, The simple Things, Let the Healing begin und vor allem Cockers schmissiges Cover des Lovin' Spoonful-Hits Summer in the City, das den Sommer '94 so gut aufgriff, dass ich das Autoradio gerne lauter drehte! Ein weiteres starkes Cover ist Robbie Robertsons Out of the Blue von The Band's "Last Waltz". Auch das rockige Hell and High Water ragt heraus.
Als Bekka Bramlett noch ein Baby war, sang Cocker im Chor auf dem Album "Motel Shot" ihrer Eltern Delaney & Bonnie mit, und Joe und Bekka beschließen das Album mit dem Duett Take me home. (Bekka Bramlett sprang übrigens ein Jahr später auf Fleetwood Macs unterirdischem Album "Time" für Stevie Nicks ein; ein undankbarer Job!) Ihre Stimme ähnelt der ihrer Mutter, nur dass sie ihr Vibrato besser im Griff hat. Auf den Maxi-CDs The simple Things ('94) und später My Father's Son (2000) erschien noch ein Duett aus dieser Zeit, My strongest Weakness, diesmal mit Bonnie Raitt. Ebenfalls auf letztgenannter Maxi gab's mit Ain't no Sunshine einen weiteren Outtake aus dieser Zeit, nicht mein Lieblingslied, aber interessant umarrangiert.
Cockers neue Band spielte natürlich höchst professionell, und das Album klang etwas gefälliger und nicht mehr ganz so rockig wie z.B. "One Night of Sin", aber Gefälligkeit und "Rock-Credibility" hielten sich hier ein letztes Mal die Waage. Erstmals zeichnete sich die Handschrift von Cockers neuem Arrangeur, C.J. Vanston, ab, der für den Großteil der Keyboards und die Bläserarrangements verantwortlich war und es sich nicht verkneifen konnte, ein paar Bläsersätze am Keyboard zu simulieren. Gut, die Technik gab es her, aber es läßt sich darüber streiten, ob das nötig war, zumal auch echte Bläser auf dem Album mitspielten. Das "synthetische" Harmonika-Solo (sprich: per Keyboard erzeugt) in The simple Things klingt aber zu künstlich. Das waren halt die Neunziger!
Natürlich sagte Cocker seinerzeit in der Presse, dies sei sein bestes Album bisher, aber ich vermute, Künstler sind sowieso vertraglich verpflichtet, das zu sagen - bis zum nächsten Album. "Have a little Faith" ist zumindest Cockers bestes in den Neunzigern, eins meiner Lieblingsalben von ihm und das letzte, das mich durchgehend überzeugt; in der Folgezeit schien er zunehmend bereit, sich zugunsten der Radiotauglichkeit mit einer Gastrolle auf seinen Alben zufrieden zu geben.