- Taschenbuch: 139 Seiten
- Verlag: Horlemann (März 1997)
- Sprache: Deutsch
- ISBN-10: 3895020621
- ISBN-13: 978-3895020629
- Größe und/oder Gewicht: 20,5 x 14 x 1,5 cm
- Amazon Bestseller-Rang: Nr. 772.338 in Bücher (Siehe Top 100 in Bücher)
Produktinformation
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Der Erzählband «Haut der Nacht» von Raharimanana
Madagaskar, die Insel auf dem Weg vom südlichen Afrika nach Indisch-Ozeanien, hat als eines der wenigen afrikanischen Länder eine eigene Sprache, Merina, zur offiziellen erklärt. Damit wäre eine wesentliche Bedingung erfüllt, dass Literatur nicht mehr in der Sprache der ehemaligen Kolonialherren geschrieben werden muss. Zu den Autoren, die trotzdem weiterhin auf französisch schreiben, gehört der vielversprechende Jean-Luc Raharimanana, dessen Muttersprache das im Norden gesprochene Antakara ist. Seine Absage an die Einheitssprache begründet er wie folgt: «Ich lehne es aus politischen Gründen ab, in ihr zu schreiben, da sie die Sprache unserer Politiker ist. Ausserdem wäre es ein Desaster, wenn sich diese Einheitssprache in sämtlichen kulturellen Bereichen durchsetzen würde.»
Bekannt geworden ist der 1967 geborene Raharimanana mit dem Theaterstück «Le Prophète et le Président», das 1991 in New York uraufgeführt wurde. In Madagaskar war lediglich eine private Aufführung möglich, zeigt es doch eine unverkennbare Karikatur des damaligen (und jetzigen) Präsidenten Ratsiraka. Raharimanana schreibt auch Erzählungen, die 1996 im Band «Lucarne» (Le Serpent à Plumes) gesammelt herauskamen eine deutsche Übersetzung liegt bereits vor: «Haut der Nacht». In den Folgen der Kolonialisierung sieht Raharimanana auch eine Chance: Die meisten Länder des Südens verfügen über zwei oder mehr Sprachen und Kulturen. Er nutzt diese Multikulturalität: «In meinem Französisch bemühe ich mich um eine poetische Sprache, die sich ganz nah an der Sprache orientiert, die bei uns gesprochen wird. Ich möchte den mündlichen Duktus meiner Sprache und ihre Musikalität ins Französische übertragen. Die Bilder habe ich aus Madagaskar, und auch der Rhythmus ist der meiner Muttersprache, ist der einer gesprochenen Sprache, aber der Klang ist französisch.»
Sigrid Köppen hat Raharimananas Erzählungen sehr nahe am Wortlaut des Originals übersetzt. So bleibt zwar etwas von der an Oralität orientierten Syntax erhalten, die Musikalität des Originals aber erreichen die Texte im Deutschen nicht. Überdies vermindert Köppen die Radikalität von Raharimananas Sprache durch Vereinfachungen und erklärendes Übersetzen.
Was von Raharimananas Erzählungen in der (zwangsläufig schwächeren) deutschen Version übrigbleibt, ist dennoch äusserst lesenswert und verstörend. Sie stellen einen originalen Versuch dar, die erschreckende alltägliche Realität Madagaskars literarisch darzustellen: die Armut, die Not, die Gewalt, das psychische Leiden, das diese Zustände hervorbringen. Ihre Protagonisten befinden sich in der Nähe des Todes, des Wahnsinns oder des Zynismus.
In der Art, wie der Autor diese Realitäten umsetzt, zeigt sich ein breites Spektrum. «Haut der Nacht» enthält einige realistisch erzählte Texte. «Die Frau hörte auf zu weinen und öffnete den Bauch ihres toten Kindes. Das Messer schnitt in die Haut, drang in das schon blau werdende Fleisch. Es floss kein Blut. Sie zog die Eingeweide hervor.» So beginnt jene Erzählung, in der eine Frau ihr totgeborenes Kind ausweiden und mit Drogen füllen muss, die ihr «Herr» dann über die Grenze schmuggelt.
Andere Erzählungen erweisen sich als weit komplexer. Raharimanana verwebt seine Geschichten aus dem Alltag mit historischen Erfahrungen und mit Mythen seiner Kultur. Eine beeindruckende Erzählung ist «Aussätziger», deren Titelfigur zu Beginn an einen grossen Baum gekettet gezeigt wird. In Afrika ruft das Wort «Ketten» schwierige Assoziationen hervor, mit denen der Autor arbeitet. Auffallend ist Raharimananas Konzeption seiner literarischen Figuren: Sie sind «offen», sie gleiten von einem Zustand in einen anderen. Der Aussätzige wird zum Mörder, vom Opfer zum Täter. Sie gleiten vom Individuellen zum Kollektiven, von realen Räumen in imaginäre, magische, vom Leben in den Tod und zurück. Diese Vorstellung vom Menschen ist Teil der Religion, in welcher der Autor aufgewachsen ist. Auch Sprache und Schreibweise sind hier komplexer: expressiv, metaphernreich, perspektivisch-subjektiv, mit mehreren Zeitebenen.
Es gibt noch einen anderen Grund für Raharimanana, französisch zu schreiben. Weder in seiner Muttersprache noch in der Einheitssprache findet er die Möglichkeit, sich über Sexualität zu äussern protestantische Missionare haben sie «gesäubert». Sexualität und sexuelle Gewalt spielen in «Haut der Nacht» eine grosse Rolle. Hier zeigen die «Menschengeier» ihr ungeschminktes Gesicht.
Heinz Hug
Am 26. September veranstaltet die Buchhandlung Romanica zu ihrem fünfzigjährigen Bestehen eine «Soirée Malgache», bei der Raharimanana und die Schriftstellerin Michèle Rakotoson sowie die Sängerin Nawal Mlanao anwesend sein werden. (Schifflände 5, Beginn 18 Uhr 30.)
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