Diese Sammlung erotischer Geschichten ist keine halbseidene Augenwischerei. Denn was Raimund Ziegler seiner Leserschaft zu bieten hat, ist alles andere als seichter, pseudoauthentischer SM-Porno wie leider das meiste in diesem Segment. Hier gibt es keine peinlichen Stilblüten, keine langweiligen SM-Bastelanleitungen oder stereotypen Gefühlsverkitschungen. Zieglers brillant geschriebene Kurzgeschichten haben literarischen Anspruch und werden diesem Anspruch ausnahmslos gerecht.
Eine wirklich beeindruckende Fülle an Themen und Blickwinkeln zeigt anrührende bis erschreckende, manchmal auch witzige oder melancholische, dabei immer wieder neue und überraschende Seiten des oftmals komplexen, um nicht zu sagen komplizierten sexuellen Lebens einer Gruppe von Glücksrittern und erotischen Nomaden. Stets auf der Suche nach der wahren Empfindung und dem noch größeren Kick werden dabei Erfahrungen gesammelt, die den Leser mitreißen und nicht mehr loslassen.
Da ist zunächst einmal, und immer wieder in verschiedenen Konstellationen, der virtuelle Liebhaber, der sich durch die bizarren erotischen Welten des Internet schleicht und dabei so manche befremdende Entdeckung macht - auch an sich selbst. Da sind die Fetischisten und Wahnsinnigen, die Alternden, die Sentimentalen, die bedingungslos Liebenden, die Egomanen, die Ambivalenten, die Krummen und Kranken, die Schönen und Stolzen, Sadisten und Masochisten, und jedem wird Ziegler auf spezifische Weise, in immer neuen Rollen und Verkleidungen, gerecht, sowohl sprachlich wie auch psychologisch. Da stimmt jedes Detail, jede Beobachtung.
Es gibt Geschichten über die Frühzeit des SM, als ein Bildchen unter der Bettdecke schon den absoluten Kitzel bedeutete, Geschichten über zweideutige Begegnungen mit unbekannten Sexpartnern, Geschichten über körperliche und seelische Gewalt, es gibt Satirisches und Phantastisches, Gesellschaftskritisches und einfach nur Lustiges oder Verspieltes, z.B. eine Beschreibung der SM-Szene aus der Sicht eines Südseebewohners oder eine Ost-West-Annäherung der besonderen Art. Es gibt Grenzwertiges wie die Liebe zu einer Wachkomapatientin und Eiskaltes wie das Tagebuch einer Sklavinnenabrichtung.
Doch immer wieder geht es letztlich um die Macht der Projektion, um den Blick des anderen, um geteilte und ungeteilte Wünsche und Sehnsüchte, um Missverständnisse und Ängste, kurz: um das, was Lust und Leid im Innersten zusammenführt und oftmals zum Zerreißen spannt. Ein absolut faszinierendes und einmaliges Panorama.