Wertvolle Informationsfülle, des Hausbesitzers Schlaf raubend
Neulich kam Ella in die Redaktion geschossen, den Mantel offen, die Haare zerzaust, Panik im Gesicht. Nein, sie war nicht von ihrer Pharmafirma entlassen worden, ihr Lebensgefährte hatte sich nicht erschossen, auch ihre Mutter lebt noch. Ella ist jedoch Bauherrin eines Eigenheims. Der Bau ist fast fertig: Einzugstermin ist im Mai. "Da ist Wasser von der Diele durchgesickert. In den Deckenbalken ist jetzt der Schwamm drin. Alles ist grau. Der Schwamm! Sporen! Das ist ekelhaft. Ich würd das Haus am liebsten loswerden. Ich lehn die Übernahme ab." Als Rezensent des Buches "Schimmelpilze und Bakterien in Gebäuden" bilde ich mir ein, mich mit der Materie auszukennen. Ich gebe Ella kluge Ratschläge: "Kein Problem. Der Pilz hat ja noch keine Zeit gehabt sich richtig zu entwickeln. Du musst in Zukunft darauf achten, dass die Luftfeuchtigkeit unter 70 % bleibt und die Holzfeuchte unter 20 %. Bei Pilzen ist die Feuchtigkeit die entscheidende Größe." "Wieso Pilz? Meine Mutter hat gesagt, es ist der Schwamm." Ich bin erschüttert, denn Ella ist immerhin Diplombiologin. Ich stelle fest: "Pilz und Schwamm, das ist das gleiche." Ja, dies ist wiedermal eine Gelegenheit, meine allumfassende Weisheit auszubreiten. Ich nütze sie: "Es gibt den Echten und den Wilden Hausschwamm und noch ein paar Dutzend andere. Wenn Du Echten Hausschwamm in der Wohnung hast, dann würd ich das Haus abreißen lassen. Das musst Du feststellen. Es gibt Leute, die Hauspilze bestimmen können." Diese Leute gibt es in der Tat. Sie werden sich, dank "moderner" Fenster- und Abdichttechnik, in Zukunft ähnlich explosionsartig vermehren wie die Schimmel- und Hausfäulepilze in den entsprechenden Häusern. Wat dem einen sin Uhl, iss dem anderen sin Nachtigall: Ein neues und weites Berufsfeld für Mikrobiologen tut sich auf. Wer hier reüssieren will, sollte sich nicht nur das schon erwähnte "Schimmelpilze und Bakterien in Gebäuden" zulegen, sondern ein weiteres Buch des gleichen Verlags mit dem Titel Hausfäule- und Bauholzpilze.
Der Schimmel greift um sich
Dieses Buch hat den gleichen scheußlichen giftblauen Umschlag wie sein Vorgänger und ist von Tobias Huckfeldt und Olaf Schmidt geschrieben worden. Ersterer ist Biologe und Sachverständiger zur Bestimmung von Hausfäulepilzen, letzterer Professor für Holzbiologie. Das Buch hat 377 recht trocken geschriebene Seiten, wofür ich angesichts der Tatsache, dass Pilze nur im Feuchten wachsen, wenig Verständnis habe. Wertvoll ist das Buch trotzdem: Schon wegen der Namen der Pilze. Hier klingt reine Poesie: Muschel-Krempling, Gallerttränen, Großporiger Feuerschwamm, Eichenwirrling, Ausgebreiteter Hausporling, Kohliger Kugelpilz, Brauner Kellerschwamm, Haustintling... Weniger poetisch sind die Folgen eines Befalls mit Hausfäulepilzen. So zeigen die Autoren in einer ihrer zahllosen Tabellen wie schnell z.B. Fichtenholz durch Pilze seine Festigkeit verlieren kann: Schon nach 30 Tagen kommt es durch den echten Hausschwamm zu einem Masseverlust (der Pilz zehrt das Holz auf) von 1,8 bis 4,4 % und einer Festigkeitsminderung von 44 bis 84 %. Mit anderen Worten: Der Echte Hausschwamm kann ein Haus in kürzester Zeit in sich zusammenfallen lassen.
Aufs richtige Holz kommt es an!
Die Anfälligkeit von Holz gegen Pilze hängt von drei Faktoren ab: Der Holzsorte, der Pilzart und dem Feuchtigkeitsgehalt des Holzes. Relativ widerstandfähig sind Robinie, Eiche, Lärche, Douglasie (in dieser Reihenfolge) während Fichte, Tanne und Kiefer Pilzen wenig entgegenzusetzen haben. Das Problem ist, einen Pilzbefall rechtzeitig zu erkennen. Zwar bilden Hausfäulepilze in der Regel Fruchtkörper, die selbst dem Laien ins Augen springen. Doch wenn sich erst einmal Fruchtkörper gebildet haben, ist der Befall schon weit fortgeschritten, das Holz großvolumig zerstört. Vorraussetzung für die Bildung von Fruchtkörpern sind ja ausgedehnte Mycelien. Zudem bilden Fruchtkörper Sporen, die sich im ganzen Haus verteilen. Wenn die Poren feuchte Stellen finden, bilden sie weitere Befallsherde. Dies übrigens nicht nur im Holz, sondern - beim Echten Hausschwamm - auch in Mauerwerk. Sporen sind noch nach 20 Jahren keimfähig. Dass manche Fruchtkörper essbar sind, ist da nur ein schwacher Trost. Der Wert des Buches liegt in seiner Informationsfülle. Die Fäuletypen werden bestimmt, Methoden zur Untersuchung von Gebäuden dargelegt, zur mikroskopischen Bestimmung von Hausfäulepilzen angeleitet. Allein die Diagnose von Hausfäulepilzen nimmt 25 Seiten ein. Der dickste Teil, 110 Seiten, liegt in der Beschreibung der einzelnen Schädlinge. So werden dem Echten Hausschwamm, einem Cellulosefresser, 26 Seiten gewidmet. Zu recht, er ist mit 25-65 % an Gebäudeschäden beteiligt. Seine Mycelien durchwachsen nicht nur Holz, sondern auch Mauern, Beton, Ziegel, Asphalt. Molekularbiologische Methoden werden leider nur mit acht Seiten abgespeist. Alle Kapitel sind üppig bebildert und die Farbbilder in der Regel von guter Qualität, ja sogar eindrucksvoll: Die Bilder von metergroßen Hausschwämmen rauben jedem Hausbesitzer den Schlaf. Ist es nicht seltsam, dass das Ergebnis eines Jahrhunderts "wissenschaftlicher" Baukunde und Architektur, in Häusern besteht, die von Pilzen verseucht werden und nach 20 Jahren zerbröseln? Bloß gut, dass sie auch noch so schal und hässlich aussehen: Abriss ist dann ästethischer Gewinn. Ich besitze ein Haus, das im 14. Jhdt gebaut wurde und außen und innen noch weitgehend original erhalten ist bzw. restauriert wurde. Selbst die Fenster entsprechen mittelalterlichen Originalen (kein Kitt, das Glas sitzt lose im Rahmen). In dem Haus gibt es keine Pilze und die Heizkosten halten sich im Rahmen. Obwohl das Gebäude die letzten sechs Jahrhunderte von einfachen Handwerkern, Metzgern, Zieglern, Schustern bewohnt wurde, kommt man sich unter der geschwungenen Bohlenbalkendecke der Stube vor wie ein Patrizier, während ich in heutigen Reihenhäusern immer das Gefühl habe, ich sei bei armen Leuten. Dabei haben die für ihr Haus mehr bezahlt als ich. Kann es sein, dass mittelalterliche Zimmerleute mehr vom Bauen verstanden haben als heutige Architekten?