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Essayistisches von Josef Haslinger
In seiner frühen Prosa war Josef Haslinger (geb. 1955) noch nicht so deutlich. Es war für ihn noch nicht abgemacht, dass Literatur sich lauthals der guten Sache verschreiben muss. Dann kam Waldheim über Österreich und machte der literarischen Eigenbrötelei ein Ende. Die Autoren erklommen Barrikaden und Rednerpulte, erklärten endlich dem Land seine Schuld. Haslinger beschrieb mit viel Verstand die «Politik der Gefühle» (1987), warnte vor den Mechanismen und Gefahren des Verdrängens. Weil er aber das Erklären und Warnen so gut konnte, machte er es zum künstlerischen Programm, auch in seinem Grossroman «Opernball» (1995). Er schildert das Treiben des Rechtsradikalismus in den Speckfalten des Sozialstaates und konstatiert, dass ein Massenmord nichts Gutes ist. Solche Wahrheiten haben es schon schwer genug im poetischen oder dokumentarischen Fach, in Haslingers populärliterarischem Stil gehen sie ganz in die Binsen.
Ein guter Teil seines neuen Essaybandes (der aus mehreren Vorträgen besteht) dient der Verteidigung von «Opernball» und plädiert für mehr Unterhaltung in der Literatur. Schon zwei Jahre vorher war ihm Uwe Wittstock vorausgegangen, hatte die Abschaffung der Langeweile in der neuen deutschen Literatur gefordert, Reifen sollten wieder quietschen und Küsse knallen. Haslinger verkündet, dass ihm «das niedrigere Niveau» seines und anderer Romane «immer mehr Spass macht». Er liest «den Rezensenten» die Leviten, die sich bei seinem Roman nicht amüsieren. Es kriegen «die Literaturkritiker» eins drauf und «der Elitismus», der das Volk und sein Kunstempfinden ignoriert. Und weil er gerade in Schwung ist, propagiert er Popmusik und Pavarotti, «das Populäre» und die Jeans im Opernhaus. Engagiert und energisch rennt er die Türen des Zeitgeistes ein.
Interessanter zu lesen sind die Erinnerungen Josef Haslingers an die alten Zeiten, als «wir alle» mit Lukács übereinstimmten. Doch schimmert auch hier (trotz versuchter Selbstironie) das Pathos der Heldentat durch, die Rhetorik der Subversion, der Widerstandskitsch. Schon der Titel des neuen Buches signalisiert Gefahr für den Autor, einen Schlag der Staatspolizei, eine «Hausdurchsuchung im Elfenbeinturm». Er ruft die staatlich subventionierten Dichter und Denker auf zur Renitenz oder zu erhöhter Wachsamkeit, harmlos und romantisch wie die Rauchsignale beim Indianerspiel.
Manch Kluges hat Haslinger als Essayist zu sagen gegen die kulturelle Ausrede beim Bau der «Festung Europa» und zu Peter Handkes Spaziergängen in Serbien; aber auch das sind ziemlich gargekochte Weisheiten. Kaum eine Zeitung hat darüber noch nicht sinniert und gemäkelt; dennoch «werden die Feuilletons immer langweiliger» für ihn, der sich an die siebziger Jahre erinnert. So richtig unsinnig wird Haslinger nur dann, wenn ihm das alte ideologische Idiom zwischen die Zeilen rinnt, wenn er meint, es «sieht die neue Ost-West-Grenze auf den ersten Blick wesentlich humaner aus als der alte Eiserne Vorhang». Es sieht also nur so aus. Seine Kollegen in Bratislava werden anders darüber denken.
Franz Haas
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