"Aber sehen Sie, der Westen hat seinen Anteil am Ruin dieses Landes gehabt, am Ruin meines Lebens. Es hätte keinen Niedergang gegeben, wenn dieses Land in Ruhe gelassen worden wäre." (S.97)
Vor mehr als vierzig Jahren hat Marcus Caldwell das Haus der fünf Sinne gekauft, kurz vor seiner Hochzeit mit Quatrina. Sie waren beide Ärzte. Im Laufe der Jahre hat er eine Parfümfabrik gegründet und wurde Vater einer Tochter namens Zameen. Das Mädchen wurde von den Russen als Vergeltung für einen Anschlag verhaftet, später verlor er in der Talibanzeit auch seine Frau, den Enkelsohn hat er nie kennengelernt. Dennoch verharrt er im Lande, in der Hoffnung den Jungen zu finden. Eines Tages erhält er Besuch von einer jungen Russin: Lara. Sie sucht ihren Bruder, der einst für die sowjetischen Truppen im Lande war und nie zurückkehrte. Ein Deserteur.
Außerdem befindet sich David Town vor Ort, ein Amerikaner, Juwelenhändler, früher hat er für den amerikanischen Geheimdienst gearbeitet. Damals, als er Zameen und ihren Sohn in Peschawar kennenlernte. Die beiden verschwanden in jenen Tagen, seitdem ist er auf der Suche.
Nadeem Aslam verbindet in diesem Buch die Jahre unter der sowjetischen Besatzung, die Herrschaft der Taliban und den aktuellen Krieg durch die Amerikaner und ihre Verbündeten. Warlords und Drogenbosse sowie das Geschehen in Pakistan. Seltsame Verbündete, seltsame Kompromisse. Er holt weit aus, um die Geschichte des Landes zu erzählen. Ein Land, das geschunden ist, von archaischen Ritualen geprägt. Der Leser erhält diese Informationen Stück für Stück. Erinnerungen von Marcus, Erinnerungen von David. Parallel dazu wird u.a. das Leben eines Selbstmordattentäters in das Geschehen eingebunden. Zunächst erscheint es verwirrend, fast wie ein Spiegelkabinett. Doch bis zum Ende des Buches erhält der Leser bis auf eine Ausnahme Klarheit über das Schicksal der einzelnen Personen.
Dabei schildert der Autor überaus plastisch das Geschehen. Grausame Szenen, wie zum Beispiel Folter, werden natürlich erwähnt. Die Schilderungen sind aber auf das Notwendigste beschränkt. Es ist kein Buch, das in blutigen Szenen schwelgt, selbst wenn diese unvermeidlich sind. Man erhält jedoch einen klaren Überblick über die begangenen Verbrechen, von allen Seiten begangenen Verbrechen. Nicht immer in böser Absicht. Muss man es zulassen, dass jemand getötet wird, weil man annimmt, dass er eine Gefahr für die Interessen der Vereinigten Staaten darstellt? Das Buch stellt auch unangenehme Fragen. Es geht um Nationen und Ideale. Und um das heilige Feuer. Was zählt da schon ein Menschenleben.
Dass es in all dem Elend noch Menschen gibt, die an einen Aufbau glauben, die sich einsetzen, dass es Liebe gibt und Zärtlichkeit, hilft die erschütternden Momente zu überwinden. Auch wenn diese positiven Anstrengungen oft, zu oft, im Sande verlaufen. Die Schule, welche die Sowjets erbauten, sie wurde zerstört. Den Unterricht, den Marcus und Quatrina während der Talibanzeit für die Kinder gestalteten, er wurde durch die Steinigung Quatrinas beendet. Die Schule, die David finanzierte, auch sie wurde durch ein Bombenattentat zerstört. Fast scheint es, als ob jeder Fremde, der helfen will, vor denselben unüberwindbaren Problemen steht. Ist eine Zukunft in solch einem Land überhaupt möglich?
Mein Fazit: Eine umfangreiche Darstellung der politischen, militärischen und religiösen Fakten. Dazu eine dramatische Geschichte über das Schicksal von Menschen, die miteinander verbunden sind. Menschen, die verloren gehen, und Menschen, die sich finden. Menschen, die sich opfern. Menschen, die töten oder Tötungen zulassen. Und in all dem Elend gibt es doch noch einen Hoffnungsschimmer. Ich glaube, das ist der größte Verdienst von Nadeem Aslam. Zu zeigen, dass es immer wieder auch Menschen gibt, die sich für andere einsetzen und nicht aufgeben.
Ein großartiges Buch!
Nachtrag 9.8.2010
Für all die Lesern, denen DAS HAUS DER FÜNF SINNE gut gefallen hat:
Haus der Wunder von Justine Hardy. Kaschmir im Jahre 1999 / 2000.