Eine Rezension zu schreiben ist immer wieder aufs Neue ein spannendes Vorhaben, wobei man in aller Ruhe das Gelesene noch einmal Revue passieren lässt, alle positiven- und natürlich auch die negativen Eindrücke, die der Roman bei einem hinterlassen hat.
Zur Story: "Justin Collin war nach Tennessee in den Ort 'Gast' gekommen, um nach einem unbekannten Bier zu suchen, dass es wert sein könnte, in sein Buch aufgenommen zu werden. Nach einer länger als geplanten Autofahrt kommt er an der sonderbaren Pension an, in der er zu wohnen gedenkt. Schon nach betreten der Pension erweckt nur die Anwesenheit der alten Frau, die Besitzern der Pension, und die vermutlich zurückgebliebene Tochter seine sonst so gut wie ausgestorbene Libido zum flammenden Leben. Irgendwie scheint es der bizarrste Tag seines Lebens zu werden. Was aber stimmt nicht mit den beiden Frauen, warum erregen sie ihn so, oder ist es vielleicht das Haus und nicht die Frauen, die ihn stimulieren? Das ist aber nur der Anfang, denn diese positive Seite hebt den wahren Horror des Hauses nicht auf, und es soll weit mehr als nur der bizarrste Tag im Leben des Justin Collier werden. Möge der Albtraum in dem 'lebendigen' Horrorhaus beginnen."
Ich habe im Vorfeld vielleicht den Fehler gemacht, auf die Palingenesie des ultimativen Horror-Romans zu warten, aber ich wurde innerhalb kürzester Zeit aus diesem Traum gerissen und auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt.
In "Haus der bösen Lust" wartet nichts auf den Leser, was es nicht in irgendeiner Form schon einmal auf Papier gegeben hat. Angefangen von den Vergewaltigungen, über brutales Abschlachten, bin hin zum am lebendigen Leib Verbrennen irgendwelcher Sklaven, zur Zeit des Sezessionskrieges. Zumindest für Kenner dieses Genres sind diese Szenarien kein Neuland. Aber, auch wenn es im eigentlichen Sinne nichts Neues ist, kommt es immer noch darauf an, was ein Autor daraus macht, wie er seinen Lesern das "gewohnte" verkauft, sie damit konfrontiert. Denn eigentlich ist das, was sich hinter den oben genannten Begriffen verbirgt, schon unvorstellbar grausam, einfach bestialisch und sie verursachen im Regelfall ein unangenehmes Gefühl.
Edward Lee aber hat es mit keiner seiner Schilderungen geschafft, auch nur das kleinste Gefühl in mir auszulösen, mich in seine verrückte abartige Welt mitzunehmen, mich zu entführen ins Diesseits des Spuks und des Horrors. Ich fühlte mich vollständig außen vor gelassen und es prallte einfach an mir ab, so als betrachte ich die Szene durch dickes milchiges Glas, ich höre und sehe nichts, so als wolle er mich nicht dabei haben.
Ein weiterer großer "Killer" sind die zu häufigen Sprünge zurück in die Zeit, beginnend 1857, bis hin zum Sezessionskrieg von 1861 - 1865. Natürlich sind diese "'Reisen" nötig, um die Zusammenhänge in der Story zu verstehen, aber bitte nicht mit solch einer Intensität. Diese Ausflüge gestalten sich als viel zu sehr ausstaffiert - es tangiert mich peripher, was warum und wie im Eisenbahnbau gemacht und getan wurde - und die unzähligen Infos blähen den Roman nur unnötig auf. Die Geschichte wird folglich totgeredet, traurig aber wahr. Der Fokus liegt zu sehr auf den brutalen Taten der Vergangenheit, die hier ständig wieder in den Vordergrund geschoben werden. Die Gegenwart kommt dadurch eindeutig zu kurz und es ist nicht gerade glücklich gelöst, dass die Gewaltszenen über 150 Jahre zurückliegen - aber ich will den Horror jetzt und nicht früher - und in der jetzigen Zeit nur noch der Spuk und die Geilheit herrscht. Aber selbst damit punktet er nicht wirklich, zu sehr klingt es nach Teenagerfantasien, und der Spuk ähnelt er dem aus einem Groschenroman.
*Der Horror Reader bezeichnet ihn als perverses Genie, pervers stimme ich zu, unter Genie aber verstehe ich im Literarischen etwas anderes. Das bezieht sich aber nur auf diesen Roman*
Hinzu kommen die Figuren Jiff & Dominque, deren Einbau ich nicht verstanden habe, nein das ist falsch ausgedrückt - vielmehr ihre Gepflogenheiten, die sie bekleiden. Auch wenn ich jetzt spoiler, warum bekleidet Jiff die Rolle eines Schwulen - der permanent anschaffen geht - und Dominique den Part einer keuschen Christin? Das passt zu der eigentlichen Geschichte wie ein Schneeball in die Wüste. Hinzu kommt, warum hat nur Jiff als einziger Ortsansässiger den typischen Südstaaten Aktzent in seiner Sprache, den Lee auch so wiedergibt? Entweder alle oder keiner. Eigentlich sehr schade was er mit seinen Figuren macht, denn abgesehen davon sind sie ihm richtig gut gelungen.
Mein Fazit: "'Ein Horrorroman der nicht wirklich einer ist, denn das gewisse Flair, dass einen solchen Roman ausmacht, fehlt. Der Funke springt einfach nicht über, und so empfinde ich diesen Roman als konstant flach. Gewalt und Brutalität sind nicht zwangsläufig Erfolgsgaranten für einen Horrorroman. Einzig die Figuren machen Spaß. Ich kenne einige Autoren, die das Genre Horror & Spuk, gepaart mit dem Faktor Sex besser verkaufen, besser an den Leser herantragen. Schlussendlich ist sollte sich aber jeder selbst ein Bild machen, denn jeder Leser empfindet anderes. Ich kann hierbei nur für mich sprechen, und ich empfand die aufgebrachte Zeit zum Lesen als verschwendet."