Man sagt hinlänglich schon einmal Sex, Macht und Geld seien die wichtigsten Nebensachen des Lebens und bei diesem Autor ist Sex nicht nur die schönste Nebensache der Welt, sondern es ist scheinbar auch der Stoff der die Welt im Innersten zusammenhält. Bakers Romane "Vox" (1992) - Telefonsex, erotische phantasievolle Dialoge zwischen einem Mann und einer Frau - und "Die Fermate" (1994) waren nach Meinung namhafter Literaturkritiker schon Meisterwerke im Sinne literarisch anspruchsvoller Pornografie. In seinem neuen Roman "House of Holes", deutsch "Haus der Löcher", geht der Romancier und Essayist Nicholson Baker mit erotischen Eskapaden und pornografischen Phantasien noch einen gehörigen Schritt weiter. Man hätte in der deutschen Ausgabe den Untertitel "A Book of Raunch" nicht weglassen sollen, denn es ist tatsächlich "Ein Ekelbuch", ein in vielen Erzählsträngen anwiderndes, Abscheu erregendes Buch.
Eigentlich ist es in seiner Urform kein Roman, denn die thematisch miteinander verknüpften, zusammengehörigen Erzählkonstrukte haben eher den Charakter von Novellen. Dieses sprachlich eigentlich wenig anspruchvolle Buch präsentiert in seiner Handlung einen Garten der Lüste, in dem den Protagonisten mit allen erdenklichen, phantastischen, wenig glaubhaften, stark verzerrten oder vielmehr auch irrealen Spielvarianten jede Art von Lust erfüllt wird. Der Preis den die Probanten dafür bezahlen müssen ist erschreckend hoch. Die einen müssen das eine oder andere Geschlechtsteil dafür opfern, andere verlieren Gliedmaßen oder sogar den Kopf. Ob die stimulierte Ekstase auf den Leser überschwappt, wie es der Autor laut Interview gern haben möchte, mag dahingestellt sein. Wenn man die von der Pornografie ausgehende beabsichtigte Wirkung fokussiert, dann ist es vielleicht keine Pornografie, sondern eher humorvolle, mit Comicelementen garnierte Pornografie, denn es geht um alles Mögliche aber nicht um wirklich scharfen Sex. Baker präsentiert, wie ein Kritiker meint "ein Disneyland für Erwachsene", eine Art Fitnessclub in dem sexuelle Gemütlichkeit herrscht und in dem Männer viel bezahlen müssen und die Frauen alles umsonst bekommen. Es gibt da auch Verbote von denen man nicht wirklich weiß, ob man sie umgehen darf und man weiß nicht was dann alles Schreckliches geschieht. Ist es Pornografie, Kunst oder eine Mischung von beidem?
Der Autor gibt sich wirklich viel Mühe, entwickelt ein unglaubliches Feuerwerk von den irrsinnigsten, perversen Einfällen wie beispielsweise vagabundierende Geschlechtsteile im Garten der Lüste (mehr sei hier nicht verraten), doch alles wird nur zu einer Art Befriedigungsorgie, denn etwas anderes kann Sexualität dann nicht sein, wenn die Beziehungsgeflechte nicht Teil eines gesellschaftlichen Kontextes sind. Es gibt tatsächlich keinen einzigen Beziehungskontext in diesem Roman. Man fragt sich bei der Lektüre dieses Romans mit Recht, ob Pornografie literarisch nur funktionieren kann, wenn sie in gesellschaftliche, metaphysische oder religiöse Kontexte eingebunden ist? Ist das apodiktisch oder hat Baker mit seiner konstruierten parallelen Sexwelt den Königsweg" für die pornografische Lite"atur entdeckt?
Die deutschen Kritiker lieben Nicholas Baker, ich kann mich dem nicht anschließen, wenn auch dieser Roman neben seinen obszönen Momenten einen gequälten humorvollen Unterton hat und sich streckenweise vielleicht eher wie eine Porno Satire lesen lässt, der es allerdings über weite Strecken an Einsicht und Erkenntnis fehlt. Meine nur sehr, sehr eingeschränkte Leseempfehlung.