"Die Tinte des Gelehrten ist heiliger als das Blut des Märtyrers"
(Hadith)
In seinen Vorbemerkungen macht der bereits im Alter von 27 Jahren auf dem Gebiet der theoretischen Atomphysik promovierte Jim Al-Khalili (Jahrgang 1962) deutlich, was unter "arabischer Wissenschaft" zu verstehen ist. Nämlich nicht eine Wissenschaft der Araber, oder des Islams, sondern jene Disziplinen, die zur Zeit des Abassidenkalifats in dessen Herrschaftsbereich (Karte auf den Seiten 32/33) aufblühten, weil man dort damit begonnen hatte, ältere griechische, aramäische, babylonische und persische Werke ins Arabische, die damalige Verkehrssprache, zu übersetzten....
Unter dem siebten Kalifen, Abu al-Abbas Abdallah al-Ma'mun ibn Harun ar-Raschid, kurz al-Ma'mun, (786 - 833) erreichte das Abbasidenkalifat seinen kulturellen Höhepunkt. In seinem, im Jahre 825 in Bagdad gegründeten Bayt al-Hikma (Haus der Weisheit) arbeiteten etwa 100 Menschen verschiedener ethnischer Herkunft und religiösem Bekenntnis an der Übersetzung, vor allem griechischer Werke über Philosophie, Medizin und Naturwissenschaften von Autoren wie Euklid, Galen, Hippokrates, Platon, Aristoteles, Ptolemäus, Archimedes u. a. in die arabische Sprache. Al-Ma'mun war ein Anhänger der innerhalb der islamischen Theologie des Kalam rationalistisch ausgerichteten Schule der al-mu' tazila. Diese bediente sich der von den antiken Griechen übernommenen Logik und Analogieschlüsse, um den Koran zu verstehen und auszulegen. Die Mu'taziliten leiteten aus dem Koran ab, dass dieser geschaffen worden sei und nicht, wie es die Orthodoxie lehrt, schon immer bestanden habe. Die rationalistischen Theologen betrachteten den Koran nicht als ewig, sondern hielten ihn vielmehr für zeitlich, da er von Gott für die Menschen einer bestimmten Zeit unter bestimmten Umständen erschaffen worden sei. Mit dieser Folgerung erlaubten sie sich nicht nur eine kritische Betrachtung des Korans, sondern auch Kritik an demselben. Ihre greaco-arabische Philosophie sah die Vernunft als alleiniges Parameter zur Entscheidungsfindung und Interpretation islamischer Prinzipien sowie für ihre Anwendung auf veränderte politische und soziale Verhältnisse, an.
Dem im irakischen Bagdad geborenen Briten mit iranischen Vorfahren, A-Khalili ist mit seinem Buch eine beachtliche wissenschaftshistorische Betrachtung gelungen, in die er auch seine eigene Herkunft und Erfahrung miteinfließen lässt. Hierfür bedient er sich nicht nur eines spanndenden Erzählstils, sondern auch zahlreicher persönlicher Fotos aus seiner Kindheit und Jugend. Seine persischen Wurzeln sind zudem nicht die einzigen Parallelen, die ihn mit seinem "Protoganisten", dem Kalifen al-Ma'mun verbinden. Beginnend mit dem "Traum des Aristoteles" schildert der Autor in 15 Kapiteln die Geschichte des Goldenen Zeitalters der arabischen Wissenschaft, das schließlich paradoxerweise mit der - auf sie zurückgreifenden - europäischen Renaissance zu Ende gehen sollte. Spätestens nachdem Al-Kalili in einem letzten Kapitel einen kritischen Blick auf "Wissenschaft und Islam heute" wirft, wird der Leser verstehen, warum es heute mehr denn je an der Zeit ist, dass der Westen mehr über seine arabischen Fundamente weiss und sich die islamische Welt ihres großen Vermächtnisses bewusst wird....
Zwei farbige Fotostrecken und zahlreiche erläuternde schwarzweisse Abildungen sorgen für die Visualisierung und ein Verständnis der vorgestellen Ideen und Prinzipen. Den Abschluss dieser lesenswerten Synthese aus Geschichte, Wissenschaft und Persönlichem eines dem Orient und Okzident gleichmaßen verbundenen Autors bilden Anmerkungen/Fussnoten zud en einzelnen Kapiteln, ein alphabetisches Verzeichnis der Wissenschaftler mit jeweils kurzer Charakterisierung, eine synoptische Zeittafel und ein abschließendes Register.
Einziger Kritikpunkt ist, dass neben Kalzinierung auch Kristallisation, Destillation, Verdampfen und Sublimation als die "zahlreichen chemischen Verfahren" aufgeührt werden (S. 117). Alleine die Kalzinierung, wenn sie mit dem Ziel der Zersetzung des erhitzen Stoffes durchgeführt wird, kann als chemischer Prozess betrachtet werden. Während man sich bei der Destillation der thermischen Trennung bedient, handelt es sich auch bei den anderen drei genannten Vorgänge um rein thermoenergetisch bedingte Phasenübergänge in einen anderen Aggregatzustand. Da eine chemische Umwandlung hierbei nicht stattfindet, muss man daher von physikalischen Verfahren sprechen.
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