Die Autorin Annette Pehnt, eine mehrfach preisgekrönte Schriftstellerin, behandelt in ihrem dritten Roman "Haus der Schildkröten", ein großes Unantastbarkeitsthema, nämlich das langsame Ende des Lebens und die Konfrontation mit dem Tod. Weite Strecken spielen im Altersheim "Haus Ulmen" und zeigen, wie schwer sich letztlich älter werdende Kinder mit ihren tatsächlich alt gewordenen Eltern tun. Es ist eine fiktive Reise, ein Roman und kein Tatsachenbericht.
Im Zentrum stehen vier Figuren, zwei Männer und zwei Frauen. Regina, die ihre Mutter regelmäßig im Altersheim besucht, lernt dort zufällig Ernst kennen, der dort seinen Demenz kranken Vater besucht.
Die eine Figur, der Professor, er arbeitet weiter, schreibt an einem vermeintlich bedeutenden Werk, bereitet Vorträge vor. Beim Lesen ist es recht schmerzhaft und gruselig, denn man merkt sehr schnell, dass er geistig doch schon sehr verwirrt ist. Und doch ist diese Figur eine der glücklichsten in dem Roman.
Der Grusel vor der körperlichen Liebe fängt bei der Autorin schon in der "Mittleren Generation" an, dann wenn sich die körperlichen Verwundungen und die erste Reparaturbedürftigkeit einstellen. Trotzdem spüren Regina und Ernst eine beträchtliche Lebenslust und fangen doch noch eine Art Liebesgeschichte an. Sie sind in den mittleren Jahren und haben ihre Probleme mit der physischen Liebe.
Jede der Figuren schafft sich innerhalb dieses Mikrokosmos des Alt seins" eigene Möglichkeiten des Überlebens. Auch im Alter wird die bisher gekannte Lebensstrategie fortgesetzt. Mit dem Verfall, der fortschreitenden Krankheit und dem langsamen Abschied nehmen, werden die Lebensläufe mit Ritualen zu Ende gebracht, die man anderswo nicht kennt.
Die Autorin will ganz konkret auf die Tatsache aufmerksam machen, dass das Leben verdammt kurz ist und sehr schnell zu Ende sein kann. Der zugespitzt gewählte Schauplatz lässt keine Auseichmöglichkeiten zu, es ist quasi eine Sackgasse, die das Alter treffend darstellt.
Gerätemedizin kommt in dem Buch nicht vor, aber Annette Pehnt zeigt sehr einfühlsam die Innenperspektive dieser behinderten, körperlich auf ein Minimum reduzierten Menschen. Und wenn Töchter, Söhne und Enkelkinder diesen sehr unterschiedlich behinderten Alten gegenübertreten, dann entsteht, gepaart mit Schuld, Schamgefühl, Fürsorglichkeit, und Sorgfältigkeit, je nachdem in welcher Familienkonstellation sie sich befinden, ein großer Sentimentalitätsfaktor.
Es ist trotz aller Schmerzhaftigkeit ein Buch das ausgesprochen atmosphärisch arbeitet. Es sind düstere Atmosphären und sehr viele unterschiedliche Reflektionsebenen und es zeigt, dass sich Kinder und sehr alte Menschen in der sprachlichen Kreativität doch begegnen können.