Neue Zürcher Zeitung
Haus der Kunst mit vielen Räumen
Ein imaginäres Museum für Kinder
Ab wann sind Kinder gross genug für «richtige» Kunst? In unseren Breiten wird ja den Kleinen eine Art Vorstufe zugewiesen, die Bilderbuchkunst. Diese wiederum hat sich allerdings, wie die Fachleute meinen, mittlerweile zu einem ausgewachsenen Zweig graphischer Kunst entwickelt und hätte also in einem imaginären Kunsthaus für Kinder Anspruch auf einen Platz neben den andern, eben «richtigen» Künsten. Wann aber, nochmals gefragt, ist ein Kind reif für die letzteren? Einfach von selbst ergibt sich die Beziehung zum kunstgeschichtlichen Erbe, das in Schulprogrammen keine Stellung hat, nämlich nicht.
Vor bald drei Jahren war in diesen Spalten einmal vom «Museum im Kinderzimmer» die Rede, also von Kinderbüchern zur Einführung in die bildenden Künste (NZZ 25. 1. 95). Eines der dort empfohlenen Bücher, das seither in vierter Auflage vorliegt («Das kleine Museum», Moritz-Verlag 1994), hat eine ebenso einfache wie schlüssige Antwort auf die Frage «wie früh?». Es stellt, Seite um Seite, Ausschnitte aus bekannten Gemälden verschiedener Epochen vor, zu denen der Text nichts anderes als den dazu passenden Namen nennt: «Auge», «Hund», «Mond», «Stachelschwein» . . . Spannungsmoment der Bildbetrachtung ist das Erkennen und Benennen, das heisst der Augenblick, wo beim, sagen wir, zweijährigen Kind Wort und Bild immer wieder neu und begeisternd zum Begriff des Dings zusammenschiessen.
Nehmen wir an, das Zweijährige sei inzwischen zwölf. Jetzt sind es andere Spannungsmomente, die sein Interesse am kunstgeschichtlichen Erbe wecken könnten: Sachwissen, Auskünfte über Künstler und technische Verfahren, geschichtliche Zusammenhänge und Einblicke in vergangene Lebenswelten, an denen sich das Vorstellungsvermögen entfaltet. Bezeichnend für dieses Alter dürfte auch der Wunsch sein, sich vom «Ganzen» der Kultur ein Bild zu machen, ja im Gang durch verschiedene Kunstepochen «die Menschheit» als solche zu begreifen von den Ursprüngen bis ins Jetzt und Wohin. Diesem Kinderwunsch nach Gesamtschau kommt die in München lebende Kunsthistorikerin Susanna Partsch nun mit einem in vierjähriger Arbeit entworfenen, gross angelegten Sachbuch entgegen: «Haus der Kunst. Ein Gang durch die Kunstgeschichte von der Höhlenmalerei zum Graffiti».
Die Zuschrift an Kinder merkt man dem schön gestalteten Band auf den ersten Blick nicht an. Die über 300 farbigen Illustrationen reproduzieren ausschliesslich «richtige», oft berühmte Kunstwerke, und was an kunsthistorischem Wissen vermittelt wird, ist auch für den sogenannten gebildeten Laien aktuell und interessant. Der Bezug zu Kindern liegt vielmehr in der vorbildlichen sprachlichen Einfachheit und einem unauffälligen, aber eindeutig fiktionalen Erzählgerüst, das die Sachinformationen trägt. Das «Haus der Kunst» ist nämlich nicht als reales Museum zu denken, sondern als Konstrukt, als Angebot an die Phantasie. Und während wir lesend durch die vorgestellten Räume wandern, sollen wir wissen um diese Fiktion und ihre Grenzen. Für «dein Museum», wie es im angenehm zu lesenden Parlando des Texts heisst, «wurden aus jeder kulturgeschichtlichen Zeit immer nur einige wenige Kunstwerke ausgewählt». Trotz der Fülle legendärer Exponate bekommt man also nicht das «Ganze», das nie zu haben ist. Ausdrücklich wird auch die geographische Beschränkung auf europäische Kunst betont, eine Beschränkung, die dann umsichtig transzendiert wird im Altertum (mit Sumer, Babylon und Ägypten), im Saal «Kunst des Islam», der ans «byzantinische Reich» grenzt, und mit Beispielen aus den USA nach 1945 am Schluss des Rundgangs.
Die Auswahl der vorgestellten Werke lässt zwangsläufig Wünsche offen. Dank der Bildwahl nach inhaltlichen Schwerpunkten gelingen indessen gute Querverbindungen über weit auseinanderliegende Zeiten. Auch Aspekte wie die gesellschaftlich wechselnde Stellung des Künstlers, der Funktionswandel von Kunstwerken oder die unterschiedliche Wahrnehmung von Wirklichkeit bestimmen die Auswahl mit und werden durch geschickte Verknüpfungen sichtbar gemacht. Hie und da erschwert ein vergleichsweise kleines Bildformat das Entdecken von im Text erwähnten Details, und ganz selten stört eine ungeschickte Gegenüberstellung (so wenn im Renaissance-Saal neben Leonardos Mona Lisa die mit Schnauz und Bart versehene Postkartenvariante von Duchamp «hängt»). Dass das Buch Wünsche offenlässt, ist indes kein Fehler. Seine entscheidende Qualität liegt gerade darin, dass es Lust macht auf mehr.
Anna Katharina Ulrich
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Perlentaucher.de
Pressenotiz zu : Neue Zürcher Zeitung, 31.05.2000
Gleich vier verschiedene Sach- und Wissensgeschichten für Kinder und Jugendliche bespricht Ursula Sinnreich und kommt zu der Feststellung, dass die meisten dieser oft enzyklopädisch angelegten Bücher auf eine eher konventionelle Art der Wissensvermittlung zurückgreifen und selten die Leselust und Experimentierfreude von Jugendlichen wirklich anregen. Das müsse daran liegen, so die Rezensentin, dass auch die Erwachsenen, die ja diese Bücher für ihre Kinder kaufen, im Stillen eine Sehnsucht nach Überblick hegen.
1) Georges Duby: "Die Ritter" (Hanser Verlag)
Als sehr ambitioniert, anschaulich geschrieben und souverän gehandhabt schildert Sinnreich dieses Buch für Kinder (ab 11 Jahren) des bekannten französischen Mittelalter-Forschers Duby, der anhand der Lebensgeschichte eines zehnjährigen Knaben die Ritterzeit zu vermitteln sucht. Duby verschweige nicht, daß man nicht alles über diese Zeit in Erfahrung bringen könne,.lege aber alle möglichen Dokumente und Quellen vor, um en passant deutlich zu machen, wie der Historiker Geschichte überhaupt rekonstruiert. Ein bißchen schimmert bei Sinnreich der Verdacht durch, daß Anliegen Dubys sei vielleicht doch etwas zu ambitioniert oder großangelegt, schließlich wurden dem Buch noch eine Chronik der Ereignisse in Wissenschaft, Kunst, Religion, Gesellschaft sowie ein Register beigegeben.
2) Susanna Partsch: "Haus der Kunst" (dtv)
Auch wenn Sinnreich die "profunde Sachkenntnis" der Autorin lobt, kommt dieses Buch bei ihr nicht gut weg. Es steht für sie für den Typus Sachliteratur für Jugendliche, der mehr Wert auf die Vermittlung traditioneller Wissensraster legt als auf die Förderung eigenständiger Entdeckungen. Ausgehend von Malraux` Idee eines Rundgangs durch ein imaginäres Museum unternehme die Autorin einen Marsch durch sämtliche Stil- und Kulturepochen, in dem exemplarisch bedeutende Kunstwerke abgegangen und deren Stilmerkmale abgefragt würden. Einen das Kunstverständnis wirklich fördernden Umgang mit der Kunst kann Sinnreich in diesem Buch nicht entdecken.
3) "Die visuelle Geschichte der Kunst" (Gerstenberg-Verlag)
Wo die Rezensentin in anderen Büchern wenigstens solide Wissensvermittlung gewährleistet sieht, so findet das zwei Kilogramm schwere Nachschlagewerk aus dem Gerstenberg-Verlag bei Sinnreich überhaupt keine Gnade mehr. Sie moniert eine detailverliebte und optisch überreizte Aufmachung des Kunstbuches, das nicht mehr als ein konventionelles Nachschlagewerk zur Kunst und darum für Kinder und Jugendliche ungeeignet sei. Ein klarer Fall für die überblicksuchenden Eltern.
4) "Abenteuer Kunst und Technik" (ars edition)
Schon seit längerem gibt die ars edition dreidimensionale Bücherpakete für Kinder heraus, unter denen Ursula Sinnreich das "Abenteuer Kunst und Technik" zu den gelungensten zählt. Die sich dreidimensional entfaltenden Objekte, die sich außerdem durch manuellen Antrieb aktivieren lassen, regen ihrer Meinung nach weit mehr als jede Lektüre die Phantasie an. So lassen sich Fragen an ein Thema überhaupt entwickeln, meint Sinnreich, und Wechselwirkungen viel eher nachvollziehen. Die Begleithefte kommentierten das Erlebte auf unaufdringliche Weise, insgesamt also ein Bücherpaket, das laut Sinnreich anschaulich, plastisch und experimentierfreudig zugleich ist.
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