Danielewski hat mit seinem Erstling "Das Haus" ein Monster geschaffen.
Zehn Jahre Entstehungszeit, mehr als 800 Seiten lang, ein halbes Dutzend unterschiedlicher Schriftbilder, 450 Fußnoten, zwei Druckfarben, ein langes Register, eine Bibliografie, drei große Anhänge, Illustrationen, ein Index und ein Text-Layout, das dem englischen Dichter Edward E. Cummings (ebenfalls für seine typographischen Verzerrungen und Überraschungen bekannt) alle Ehre gemacht hätte, sind nicht unbedingt typisch für einen Debütroman. Auf den ersten Blick scheint es, David Foster Wallace hätte sich H.P Lovecrafts bedient, um ein literarisches Gegenstück zum Film "The Blair Witch Project" zu schaffen: Ein experimentelles Meisterstück.
Ein begabter, aber psychotischer junger Mann, der sich Johnny Truant nennt, stößt auf ein gewaltiges Manuskript ("Der Navidson Record") eines verstorbenen !!blinden!! Mannes mit Namen Zampano: eine wissenschaftliche, kritische Abhandlung eines gleichnamigen Dokumentarfilms. Er beginnt ihn zu redigieren. Dabei verliert er mehr und mehr die Trennung zwischen Wirklichkeit und Fiktion.
Der angebliche - aber nie gefundene - Dokumentarfilm betrifft ein Haus, was eigenwillige Raumveränderungen offenbart. In seinem Inneren ist ein riesiges kaltes, dunkles Labyrinth von Schwindel erregender Dimension verborgen und es lebt. ES LEBT! Die Berichte des eingesetzten Untersuchungstrupp sind haarsträubend, und nachdem sie ihren Weg verloren haben, verfallen sie nach und nach dem Wahnsinn.
Die Konfusion des Textes (manchmal wird er br_e__ i___t____e_____r, dann wieder zieht er sich z____u___s__a_mmen, von Zeit zu Zeit ist er durchgestrichen oder in Spiegelschrift geschrieben, manchmal muss man das Buch auf den Kopf drehen, einige Seiten vor- und dann wieder einige Seiten rückwärts lesen) überträgt die Verwirrung der Protagonisten linear auf den Leser. Wie es der englische Titel "House of Leaves" treffend bezeichnet, soll dem Leser suggeriert werden, dass das Buch selbst das gefährliche Haus ist: Ein Haus aus Blättern und Buchseiten, in dem er sich verlieren wird.
"Das Haus" überschattet andere berühmte Spukhäuser der Literatur. Danielewski verknüpft die furchterregenden Räume innerhalb des Hauses mit psychologischen Zuständen wie der Platzangst und geht sogar bis zur germanischen Legende von Yggdrasill: der Weltenbaum, die große Esche (Ash Tree) im Zentrum des Universums, die Himmel, Erde und ihre neun Welten miteinander verband. Was bei anderen Autoren nur eine "gewöhnliche" Erzählung eines spukenden Hauses sein würde, ist bei Danielewski eine wissenschaftliche Untersuchung der "psychologischen Dimensionen des Raums." Der Autor bringt Architektur und Mythos, Filmtheorie und Psychologie ein.
Der Roman sieht in seiner Patchwork-Konstruktion wie Frankensteins Monster aus, aber er lebt! Er lebt!
Besonders hervorzuheben ist die großartige Übersetzung durch Christa Schuenke, die den bockigen, rätselhaften Text, die Anagramme und die vielen anderen Verschlüsselungen in ein deutsches Lesevergnügen verwandelt hat.
Auch Lektor Hannes Riffel und Setzer Ronald Hoppe haben entscheidend dazu beigetragen, die deutschsprachige Ausgabe zu einem Gesamtkunstwerk zu machen: Zweifellos für alle Beteiligten eine ebensolch monströse Mühe und Arbeit.
Gleichwohl wird "Das Haus" aber sicher auch die bemerkenswerte Reihe der Bücher verlängern, die nie vollständig gelesen werden, alsbald im Bücherregal verschwinden und in der Reihe der großen literarischen Irrfahrten einen Ehrenplatz neben Joyces "Ulysses" finden.
Fazit:
"Das Haus" verbindet neben mehrtägiger harter Lesearbeit und außergewöhnlicher Konzentration auch echten Grusel und postmoderne Auflösungsfreude (nachgoogeln lohnt sich und ist immer für eine Überraschung gut). Das Pseudodokumentarische des Romans lädt zur Mitarbeit ein, zur eigenen Erforschung des fiktiven Phänomens. Empfehlenswert für alle Freunde anspruchsvoller Fantastik und moderner Literatur.
Und wer richtig hinschaut, wird irgendwo in seinem Leben auch solch eine Tür finden, die ins Dunkle führt: "Bleiben Sie nicht stehen, gehen Sie auch nicht langsamer, sondern laufen Sie einfach weiter. Da ist nichts. Seien Sie vorsichtig!"