Dieses Buch führt in eine andere Welt, in eine andere Zeit: das Paris der fünziger Jahre, die frühen Jahre, in die Künstler- und Journalistenkreise, in denen im Quartier noch jeder jeden kennt. Wo man noch ein Atelier mieten kann, in dem ein vergessener Giacometti-Leuchter hängt - einfach so. Wo einem die nette Nachbarin - keine andere als Simone Signoret - die Küchenräume abkauft, weil sie bisher auf dem Flur kochen mußte. Große Künstler dieser Zeit werden hier zu guten Bekannten: Klee, Matisse, Frida Kahlo und vor allem Picasso. Mit Picasso verbringt man einen Nachmittag am Strand, wo er einem besonderes hartnäckigem Bewunderer einen Herzenswunsch erfüllt: sein Portrait von Picasso - allerdings direkt auf den Bauch des Bewunderers gemalt. Diese und andere witzige Anekdoten machen das Buch wunderbar unterhaltsam. Für seinen Humor und seine Selbstironie verzeiht man dem Autor auch längere Exkurse aus seinen übrigen Veröffentlichungen als Kunstfachmann. Wie wird man Kunsthändler? fragt sich Berggruen im Rückblick. Im Wohnzimmer seiner Eltern hing nur der "Mann mit dem Goldhelm" wie in allen Wohnzimmern. Als Jugendlicher muß Berggruen wegen seiner jüdischen Herkunft emigrieren, studiert und schreibt in Amerika, organisiert Kunstausstellungen, kehrt nach dem Krieg als GI nach Deutschland zurück und findet eine neue Heimat in Paris. Eine erstaunliche Episode: nach dem Krieg will Berggruen wieder Deutscher werden. Die amerikanische Staatsbürgerschaft wieder loszuwerden, gestaltet sich fast so schwierig wie aus gewissen Buchclubs auszutreten.
Das Buch macht Lust auf Kunst. Es hat mich in Berggruens eigenes Museum am Charlottenburger Schloß geführt ( in Berggruens Besitz befinden sich einige der berühmten Scherenschnitte von Matisse) Und ich schaue mir Berggruens Lieblingsaquarell von Klee "Hauptweg und Nebenwege" im Museum Ludwig in Köln an.