Der Journalist Sven Felix Kellerhoff und der Historiker Bernd von Kostka haben ein äußerst spannendes Buch vorgelegt, natürlich begünstigt von einem Thema, das in die Phantasie greift und sofort Assoziationen weckt. Die Lektüre kuriert indes gründlich vom Bild der Schlapphut-Träger, die tote Briefkästen leeren und stets im Dunklen agieren.
Als die Spannungen zwischen den Alliierten des 2. Weltkrieges ab 1948 sprunghaft zunahmen, sich auf deutschem Territorium zwei Staaten mit gegensätzlichen Gesellschaftsordnungen herausbildeten, wurde die zweigeteilte Frontstadt Berlin zur Nahtstelle im Kalten Krieg und zum Tummelplatz der Nachrichtendienste. Von Kostka schildert die Anfänge der ausländischen Geheimdienst-Organisationen in der besetzten Stadt, dem Spionage-Drehkreuz zwischen Ost und West. Bevor ein eigenes Netz an Agenten und Zuträgern aufgebaut werden konnte, kaufte der CIA Informationen ein. Das Problem dabei: Wenn der Informant keine neuen Nachrichten hatte, erfand er sie einfach. Mangels anderer Quellen konnte man deren Wahrheitsgehalt überwiegend nicht nachprüfen.
Andererseits fanden die Spione aller Dienste in Berlin nahezu ideale Arbeitsbedingungen vor, hatten sie doch - zumindest bis zum Mauerbau 1961 - relativ leichten Zugang zum Gebiet des Gegners. Auch danach war es den ehemaligen Alliierten dank der Einrichtung der Militärmissionen möglich, sich durch Inspektionsfahrten Erkenntnisse über militärisch wichtige Einrichtungen und Vorgänge auf der jeweils anderen Seite zu verschaffen. Von Kostka hat hier interessante Geschichten zu erzählen, die manchmal auch tödlich ausgingen. Natürlich fehlt bei ihm auch nicht eine ausführliche Beschreibung der Geschichte des berühmtesten, des sog. Berliner Spionagetunnels, der von den Amerikanern und Briten von Rudow aus auf das Gebiet der DDR getrieben worden war. Die Russen waren von Anfang an durch den Doppelagenten Georg Blake informiert, ließen die offizielle "Entdeckung" aber erst dann zu, als der Moment politisch günstig war.
Im zweiten Teil widmet sich Kellerhoff vor allem den Aktivitäten des ostdeutschen Geheimdienstes, dem am Ende der DDR als Ministerium für Staatssicherheit (MfS) über 90 000 festangestellte Mitarbeiter und ein Etat von 3,5 Mrd. Ost-Mark (1988) zur Verfügung standen. Die Abwanderung von Mitarbeitern in den Westen konnte der Dienst erst mit dem Bau der Mauer in den Griff bekommen. Erich Mielke, der 1957 zuständiger Minister und oberster Leiter der Stasi wurde, intensivierte den Ausbau und die Aktivitäten gegen tatsächliche oder vermeintliche innere und äußere Feinde. Er schreckte auch nicht vor Verschleppung und vor dem Einsatz von Prostituierten im Kampf gegen die Klassenfeinde im Westen zurück und war auch sonst in der Wahl erfolgversprechender Mittel nicht zimperlich. Davon kann sich heute jeder noch ein Bild machen, wenn er das zentrale Untersuchungsgefängnis des MfS in Berlin-Hohenschönhausen besucht.
Kompakt und kundig beschreibt Kellerhoff zudem das Wirken der Protagonisten des Spionage-Krieges auf bundesrepublikanischer Seite, auch die teilweise fragwürdigen Methoden von Organisationen wie der "Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit", die in den 1950er Jahren von West-Berlin aus das DDR-Regime mit Terroranschlägen zu destabilisieren suchten. Sein Fazit am Ende des Buchs: Die Geheimdienste der ehemaligen Siegermächte sind mit Sicherheit immer noch in der Stadt aktiv. Das Kapitel der Geschichte, in dem Berlin die Welt-Hauptstadt der Spione war, ist aber zum Glück endgültig abgeschlossen.
Das Thema aber bleibt auf der Tagesordnung der Historiker. Seine Behandlung wird auch weiterhin viele Überraschungen bescheren. Eine davon konnte gerade noch in das fesselnd geschriebene, fakten- und überraschungsreiche Buch aufgenommen werden: die Enthüllung, dass der Polizist Karl-Heinz Kurras, der am 2. Juni 1967 die tödliche Kugel auf den Studenten Benno Ohnesorg abfeuerte, sich der Stasi zur Verfügung gestellt und ihr jahrelang sicherheitsrelevante Informationen aus der West-Berliner Polizei geliefert hatte.