9 Möchtegern-Autoren verschwinden in einem «Writers’ Retreat», lassen sich einsperren, um frei von der Umwelt «ihre» definitive Geschichte zu schreiben. Alle sind in mehrere Hinsicht auf der Flucht, sie geben sich seltsame Pseudonyme – Saint Gut-Free, Miss America, The Earl of Slander – und im weiteren Verlauf der Geschichte werden sie sich verstümmeln und gegenseitig umbringen, um die Geschichte ihrer Entführung durch Mr. Whittier, dem Minderjährigen im Körper eines alten Mannes, telegener, kommerziell ausschlachtbarer zu machen. Sie hacken sich die Finger, Zehen und Geschlechtsteile ab, demontieren ihr an sich erträgliches Domizil (ein altes Kino), bis es bitterkalt ist, bis die Fertignahrung verdorben ist, bis sie frierende und abgemagerte, eben telegene, «Opfer» geworden sind.
Um dieses Grundgerüst herum entstehen 23 Kurzgeschichten der verschiedenen Figuren, die nicht freistehend sind (obwohl sie stand-alone funktionieren würden), sondern das Buch als Ganzes vorantreiben, die Charaktere definieren, die Handlung determinieren. Die Grenze zwischen Rahmenhandlung und Short Prose fällt auf mehrfach verschachtelte Art und Weise, in einer seltsamen Moebius-Umarmung der verschiedenen Ebenen von Rahmenhandlung, Gedichten und Short Stories. Und was für Kurzgeschichten das sind…
Die Geschichte von dem Jungen, der sich, im elterlichen Swimming-Pool onanierend, den gesamten Darm von einer Vakuumpumpe rausreißt.
Die Geschichte von der Fußmasseurin, mit ihren Kunden nicht nur als Prostituierte den besten Orgasmus schlechthin verpaßt, sondern die auch zur Auftragskillerin wird. Fußmassage, Aromatherapie, Feng Shui, Kristallauflegen – alles, was uns gut tut, kann uns auch umbringen.
Die Geschichte von den Super-Neu-Reichen, deren neuester Kick es ist, als Bettler auf der Straße zu leben. Bis sie als Zeugen einen Auftragsmord mitkriegen – und nach und nach immer mehr Vorstandsvorsitzende, Ärzte und andere Superreiche verschwinden.
Die Geschichte von dem Yellow-Press-Reporter, der dringend eine tragische Geschiche eines Ex-Kinderstars braucht… auch wenn er den KInderstar dafür selbst umbringen muß.
Die Geschichte von dem Anti-Kunstdieb, der als Prankster zum nächsten großen Star der Kunstszene wird, bis er das düstere Geheimnis hinter dem Ruhm erfährt.
Das Ehepaar, daß mit Heimporno-Filmen Geld machen will, nur um festzustellen, wie abstoßend sie sich gegenseitig finden, nachdem sie sich selbst auf dem Videoband im Bett gesehen haben.
Die Geschichte von der Erste-Hilfe-Torso-Puppe, die randvoll mit Sperma ist. Von den allzu lebensechten Kinder-Puppen, die eigentlich für vergewaltigte Kinder zum Nachspielen des Mißbrauchs gedacht waren, die jetzt aber immer öfter von Polizisten für «besondere Einsätze» übernacht ausgeliehen werden. Und die auffällige Piercings, Samenflecke und Vergewaltigungsspuren aufweisen…
Die Geschichte von den Ex-Soldaten, die als Crossdresser in einem Privatjet auf den Vatikan und auf Mekka zufliegen, um ein für allemal ein Ende aller religiösen Kriege einzuleiten…
Die Geschichte von dem Koch, der als Serienkiller gemeine Restaurant-Kritiker umbringt und einen Fanbrief an den Messerhersteller seiner Wahl schickt, mit einem ganz besonderen Angebot…
Und so weiter… Geschichten, die in ihrer zynischen Boshaftigkeit in den Händen eines schlechteren Autors zu Stephen-King-Schmonzetten geraten wären, sind bei Palahniuk keine Horrorgeschichten, sondern eher eine Art Raymond-Carver-on-Acid. Palahniuk schreibt in einer hypnotischen Rhythmik aus wiederholten Phrasen,aus leichten Verschiebungen, aus Andeutungen, aus minimalistischen Gesten. Das Endergebnis ist eine klare, moderne Prosa, die an Amy Hempel erinnert, an Bret Easton Ellis, an Arthur Miller, an Beckett, dabei aber eine ganz eigene Handschrift behält.
Palahniuk ist ein Meister der abstrusen, der widerlichen, der soziopathischen Grundidee. Jedes seiner sechs Werke bisher erzählt von extremen Außenseitern, von Sonderlingen. Selbst sein bisher kommerziellster Versuch, Lullaby, ist noch meilenweit von einem reinen flachen Horror-Niveau entfernt, und Survivor, Diary, Choke und Inivisible Monsters sind Bücher, wie sie in der Mischung aus exzellenter, unübersetzbarer Schreibe (auf Deutsch ist Palahniuk nahezu ungenießbar, aus seinem literarischen AlternativeRock wird irgendwie nur allzuschnell deutscher Schlager gemacht) und abstrusen, surrealen Ideen, kein zweiter liefern kann. Wie ein roter Faden zieht sich die Liebe zum Morbiden durch Palahniuks Bücher, die aber niemals in die Horror-Sackgasse führt, sondern in eine Art Tim-Burtonesquer Schattenwelt, die unsere Realität verzerrt, aber dafür umso treffender in Parabelform gießt. Dieser Ansatz, bereits in Fight Club, Palahniuks Debut, komplett ausgereift und makellos in Form gebracht, durchdringt alle seine Bücher, in denen er sich treu bleibt und sich zugleich thematisch/stilistisch stets weiterentwickelt. Die extrem neurotische Schattenwelt, die er uns in Haunted bietet, in der er das Horrorgenre gegen sich selbst wendet und mit federnder Leichtigkeit transzendiert, spricht gegen jede Vernunft, erfordert vom Leser quasi, daß er jede Logik, jeden Sinn fahren läßt.. und in jeder Zeile, in jedem Satz, in jedem Beat verführt und Palahniuk in diese Welt paranoiden modernen Wahnsinns, der in der Überzeichnung mit jeder Seite viel realer und sinnvoller zu wirken beginnt, so viel mehr in Touch mit der postmodernen Welt, als unser gesunder Menschenverstand.
Nicht zuletzt ist Haunted als ein auf vielen Ebenen zugleich funktionierendes Buch (das man eigentlich erst beim zweiten Lesen wirklich voll genießen wird) auch eine Farce auf die Reality-TV-Welt, auf eine Gesellschaft der Selbsterniedrigung und Selbst-Entmenschlichung für die berühmten 15 Minutes of Fame in einer Doku-Soap, in den Nachrichten, in der Gosse des Boulevard. Der Sprung von den Big-Brother-Insassen, die einander in immer neuen Skandalen und Events beim Pulikum übertrumpfen wollen, zu Palahniuks Would-be-Autoren, die sich die Finger abhacken, um einander mit immer größeren Leidensgeschichte auszustechen, bei denen jeder Tote nur ein Protagonist ihrer Story wird, jede Leiche nur ein bißchen weniger geteilte Royalities, ist so groß, so unglaubwürdig nicht. Das inszenierte Elend, das die Mediengesellschaft fordert, ist hier nur konsequent weitergedacht.
Auf einer anderen Ebene ist Haunted tatsächlich, wie der Titel verspricht, eine Geistergeschichte, wenn auch nicht im herkömmlichen Sinne. Palahniuk zitiert wiederholt das Zusammensein von Wollstonecraft, Shelley, Byron und Polidori in der Villa Diodati in 1816, bei dem die Grundlage vieler moderner Horrormythen gelegt wurde (eine Urform des Vampirmythos, der Frankenstein-Prometheus). Der Unterschied ist, daß die Wiedergänger dieser Mitbegründer des «Gothic» talentfrei sind, selbst zu Geistern werden, keine Geschichten zu erzählen haben (außer ihrer eigenen TV-reifen Schicksalsinzenierung eben) und stattdessen immer wieder nur sich selbst verklären,verstümmeln können, am Ende in ihrer Unkreativität gar nicht mehr in der Lage sind, das selbstgeschaffenen Gefängnis zu verlassen.
Haunted, das kaum minder surreale Diary und die Artikelsammlung Stranger than Fiction machen das enttäuschende kommerzielle Lullaby mehr als wett und definieren Palahniuk erneut als ernstzunehmenden Autor mit einer ganz individuellen Narration, die nach wenigen Worten unverkennbar ist. Viel in seiner Schreibe rührt von Rhythmus, Alliteration, Klang und Groove der Wort her, bis er seinen leser ineinen fast Erikssonschen Trancezustand schreibt – komplett unübersetzbar, wie gesagt. Jedes Wort ist wohl gewägt, skulptural geformt, und wirkt doch selbstverständlich, hektisch, flirrend, ultrabeschleunigt, getrieben, gehetzt, atemlos. In meisterhafter Phrasierung steuert Palahniuk so die Wahrnehmung des Leser, schreibt Zooms und Cinemascope mit wenigen dürftigen Phrasen, erzeugt CGI-artige Impressionen mit der chirurgischer Präsizion seiner Wortwahl, wiederholt magnetische Motive immer und immer wieder, bis ihr Kontext sich wie ein langsam wirkendes im Gesamtkontext entfaltet hat.
Haunted ist ambitioniert, vielleicht überambitioniert, in der Verschachtelung, in der der Iteration von Themen und Metathemen, und nie versucht Palhniuk wirklich, den einzelnen Protagonisten wirklich individuelle Stimmen oder Schreibstile zu geben, wer auch immer schreibt, man liest Palahniuk. Das ist letztlich klug, der Versuch, rund 19 komplett erfundene Figuren glaubhaft eigenständige Prosa verfassen zu lassen, wäre unbezwingbar… und nicht zuletzt lösen sich die Kurzgeschichten im Buch immer weiter auf,verschmelzen nahtlos, manchmal auch widersprüchlich mit dem Hauptstrang, werden eins mit der Rahmenhandlung, bis am Ende ein David-Lynch-Feeling bleibt, ein exegetischer Freiraum, ein Kosmos möglicher Interpretationen… was schließlich die beste Basis ist, ein Werk immer und immer wieder zur Hand zu nehmen und neu zu entdecken.