Fast ist man geneigt, nach dem Genuss des Romans von Bernd Schroeder eine juristische Abhandlung schreiben zu wollen, ein Prozessgutachten, zumindest eine aus eigener Sicht verfasste Gerichtsreportage. Doch letztere schrieb ein anderer: irgendein österreichischer Gerichtsreporter, der im Roman seine bescheidene Nebenrolle hat. Man ist fast geneigt, ganz so wie die wilhelminischen Stammtische im Karlsruhe der letzten Kaiser-Dekade Deutschlands, ganz so wie der Wöhrle'sche Freundeskreis [Ferdinand Wöhrle, noch so eine beobachtende, kommentierende Gestalt am Randes des Geschehens (Wöhrle, kann denn ein Schwarzwälder anders heißen?)], sich auf die eine oder andere Seite zu schlagen. War er's, oder war er's nicht? War Karl Hau jener Schwiegermonster-Mörder, als solchen ihn das Gericht am Ende von Schroeders Roman "Hau" - und nicht nur im Roman, sondern, da der Geschichte eine real-historische Begebung zugrunde liegt, auch im wahren Leben vor knapp mehr als hundert Jahren - ansah und verurteilte?
Fast ist man dazu geneigt ...: doch rechtzeitig erinnert man sich wieder: Es geht nicht um den Mordfall aus dem Jahre 1907, sondern es geht um Sätze und Beschreibungen, Aufbau und Linie, Inhalt und Spannung eines Romans. - Mit wenigen Worten: Es geht um den literarischen Wert und Gehalt von Bernd Schroeders Erzählung. Und ihm - soviel vorweg - tut der gewählte Tagebuch- und Protokoll-Stil alles, nur nicht gut.
Und dabei begann es zunächst so unverfänglich, auf Korsika im Jahre 1901, dort, wo Olga - spätere Schwägerin des Hau, vielleicht heimliche Geliebte - sich "nach den Baden-Badener Alleebäumen gesehnt" hatte, "den einzigen Zuhörern, denen sie ihre Gedichte vorzulesen pflegte ...". Olga, die Möchtergern-Dichterin der Familie Molitor. War sie vielleicht die Mörderin? Ging Hau - der sich zunächst nicht beziehungsweise nur sehr zurückhaltend verteidigte, verteidigen lassen wollte - sie zu schützen vermeintlich so bereitwillig ins Gefängnis? In jenen Strafvollzug der großherzoglichen Geschworenengerichtsbarkeit im Karlsruhe jener Tage. "Man erzählt sich schreckliches über die dortigen Gesetzesvertreter. So soll es üblich sein, schon während der Untersuchungshaft vor dem Zellenfenster des Angeklagten über Tage hinweg ein Schafott aufzubauen! Der Satz 'Im Zweifel für den Angeklagten' habe dort, heißt es in etlichen Schauergeschichten, keine Gültigkeit."
Später - Hau verteidigt sich inzwischen, beziehungsweise lässt sich verteidigen - sind wir Teilnehmer am Prozess und erleben gemeinsam mit Herrn Wöhrle, dem Schwarzwälder Geschäftsmann, die Anstrengungen des damaligen badischen Freistaats zur gerichtsverwertbaren Wahrheitsfindung. Nach dem Schuldspruch begleiten wir den Verurteilten noch über den Zeitraum seiner Gefangenschaft nach Bruchsal, in jene berühmt berüchtigte "Café Achteck" genannte Festung, wo Hau über die Jahre auch die Zeiten des Ersten Weltkriegs verbrachte. "Der Krieg, der sich in unzähligen Schlachten hinzieht und an verschiedensten Ecken der Welt lodert, fordert seine Opfer nicht nur unter den Soldaten. Auch die Zivilbevölkerung zahlt ihren Tribut, sie hungert. ... Der Hunger bestimmt alles Denken und Handeln. Beim Hofgang fallen Gefangene über das Gras an den Mauerrändern her. Andere essen das Seegras aus den Matratzen. ... Die Gefangenen halten sich an den Pfarrer, er sollte sich dafür einsetzen, dass seine Schäfchen nicht verhungern. - Ich bin euer Seelsorger, nicht euer Mehlsorger."
Bernd Schroeders Roman wird immer dann gut, wenn er philosophische Gedanken in Literatur verwandelt. "Wir sind all desselben Ursprungs, geboren aus einem Augenblinzeln im Antlitz der Ewigkeit, ins Weltall geworfen für einen Tag, denn mehr sind wir nicht, gemessen am Ganzen der Schöpfung. ... Unsere Geburt ist das Aufwachen an einem Morgen, unser Leben ist das Tageswerk, unser Tod ist das Schlafengehen. ... Unsere Existenz übersteigt die menschliche Vorstellungskraft, sie ist undenkbar und unaussprechlich. ... Ja, wir sind alle gleich - aber nicht vor irgendeinem Bild eines Gottes, sondern vor der Unendlichkeit."
"Das alles ist ein Sherlock-Holmes-Roman, wie er besser nicht geschrieben werden kann" finden wir im Roman die Bewertung der unglückselige Geschichte des Karl Hau. Der Roman selbst, "Hau" von Bernd Schroeder, ist allerdings kein Sherlock-Holmes-Roman, wie er besser nicht geschrieben werden kann. Soviel zu meiner abschließenden Bewertung. Doch komme ich nicht umhin zu befürchten, dass ich anlässlich meines nächsten Besuchs in Baden-Baden (wann wird das sein?), beim Spaziergang auf "friedlichem Boden der idyllischen Bäderstadt", unter den Bäumen der Lichtentaler Allee, mich an sie alle erinnern, an sie denken werde: an den Hau, den Bernd, die Lina Molitor und an ihre Schwester, die Poetin Olga.