Hatschepsut ist außer Nofretete sicherlich die dem Laien am besten bekannte weibliche Persönlichkeit des alten Ägyptens. Man hat ihr Ehrgeiz und Machtstreben unterstellt und angenommen, dass ihr Nachfolger, Neffe und Stiefsohn Thutmosis III. den Versuch, alle Zeugnisse ihrer Existenz auszumerzen, deshalb unternahm, weil er sich von ihr unterdrückt fühlte.
Das vorliegende Buch vermittelt nicht nur einen sehr differenzierten Eindruck von Hatschepsuts Leben, Umfeld und Wirken, sondern es räumt auch mit Legenden und Vorurteilen auf. So stellt sich unter anderem heraus, dass es Thutmosis III. offensichtlich nicht darum ging, Hatschepsut dem Vergessen anheim fallen zu lassen, sondern lediglich den ägyptischen König Maatkare - so Hatschepsuts Thronname. Die Autorin bietet sinnvolle, nachvollziehbare Interpretationen nicht nur bezüglich dieses strittigen Aspekts, sondern auch für andere scheinbare Unstimmigkeiten in Hatschepsuts Leben.
Hatschepsuts Griff nach dem Thron, recht ungewöhnlich für eine altägyptische Frau, kann man gut aus ihrer Herkunft ableiten. Deshalb legt die Autorin Wert darauf, die Familienverhältnisse in der 18. Dynastie zwischen den Ahmosiden und den Thutmosiden anschaulich darzustellen. Interessant ist es auch, anhand des Buchs Hatschepsuts beziehungsweise Maatkares Weg zum König - bewusst nicht zur Königin, sie verwendete später männliche Attribute - nachzuvollziehen. Dieser Weg zeigt sich ganz klar in den Skulpturen, die Hatschepsut/Maatkare anfangs als bezaubernd weibliches Geschöpf, später immer maskuliner darstellen.
Der Schwerpunkt des Buchs liegt auf Religion und Kult, aus denen heraus sich der König Maatkare definierte, und in die er/sie fest eingebunden war. Nur so lassen sich die Beweggründe Hatschepsuts für den Griff zur Krone begreifen. Dem Leser erschließt sich bei der Lektüre des betreffenden Abschnitts nicht nur der Hintergrund für Hatschepsuts/Maatkares Wirken als Herrscher und Gott, sondern auch die Komplexität des altägyptischen gelebten Glaubens.
Als geradezu spannend erweisen die neuesten Erkenntnisse über Hatschepsut, die man teilweise auch im Fernsehen verfolgen konnte. Das Buch ist diesbezüglich auf dem aktuellen Stand.
Natürlich sind auch die zahlreichen hochwertigen Illustrationen zu erwähnen. Überwiegend handelt es sich um Fotos, die Inschriften und Kunstwerke mit Bezug auf Hatschepsut abbilden, welche auch als Grundlage für die Informationen über Hatschepsuts Leben und Wirken dienen. Teils findet man zudem Abbildungen von einzelnen Namen und Begriffen in Hieroglyphen und deren Interpretation, die zum Verständnis der Entwicklung von Hatschepsut und ihres Herrschaftsanspruchs und dessen Umsetzung dienen.
Für Menschen, die sich für die Geschichte, Religion und Kultur des alten Ägyptens interessieren, bietet dieses Buch eine Fülle von fundierten und anschaulich aufbereiteten Informationen in Wort und Bild. Es bringt dem heutigen Leser eine faszinierende Frauenpersönlichkeit näher, deren Wunsch es war, der Nachwelt bekannt zu bleiben - ein Wunsch, der sich erst nach 3.500 Jahren erfüllen sollte. Dank der umsichtigen Gestaltung einschließlich eines gründlichen Glossars und der Chronologie eignet sich das Buch auch bestens für den Laien.