Hathaway Jones, 13 oder 14 Jahre alt, zieht mit seinen Packtieren den Rogue River entlang, von Farm zu Farm, von Hütte zu Hütte. Er versorgt die Goldgräber und Farmer nicht nur mit ihrer Post, sondern mit Zucker, Salz, Kaffee, Munition- und mit seinen Geschichten, die er sich auf den einsamen Ritten ausdenkt. Vor allem aber verliebt er sich in Flora Dell von der Thomas Farm. Er kann sein Glück kaum fassen, denn sie ist so klug und schön und spielt engelsgleich Klavier.
Mit dieser kurzen Einleitung wirbt der Klappentext den Jugendbuches Hathaway Jones für seinen Inhalt. Der lässig vorbeischlendernde Jugendliche mag den knappen Text überfliegen und sich fragen wo denn der Rogue River liegt, wer denn Flora Dell ist oder Hathaway Jones. Er mag sich wundern, wieso dieser sein Alter nicht kennt und zu welcher Zeit es eigentlich Goldgräber gab. Vielleicht würde ein neugierig gewordener Jugendlicher das Buch dann noch einmal herumdrehen und seinen bunten Einband betrachten, von dem aus Hatheway Jones und Flora Dell mit ernsthaftem Blick in unsere Welt schauen. Denn bei ihnen sieht alles so anders aus. Berggipfel im Sonnenschein, Nebel und Bäume und ein Wasserfall, der aus einer Felswand zu brechen scheint. Unberührte Natur in all ihrer Schön- und Rauheit zeigt das Cover und zwei Menschen, die eben dort in dieser Welt leben und zugleich Teil von ihr sind.
Beim bloßem Betrachten des Einbandes mag der potentielle Leser deshalb auch schon das Wesen dieses ungewöhnlichen Jugendbuches erfassen, das dominiert wird von Naturbildern, seinen heranwachsenden Hauptakteuren und den verschiedenen Menschen mit denen sie leben und die oft nur eins verbindet: ihre Sehnsucht nach Sicherheit und Geborgenheit.
So wünscht sich Clarence Burke seine Ruhe vor stehelenden Vagabunden, die regelmäßig seine Speisekammer ausräumen, Scotty Mc Cullen ein ruhiges Leben mit Liz Wooldridge, Bob Fox einen beruhigenden Blick von Dollie Billings und Mesje eine ruhigere Vergangenheit und einen anderen Ehemann. Nur Jimmy Coe und Duch Henry scheinen keine Träume mehr zu haben aber auch sie lieben die Ruhe und finden sie schließlich auch.
Und wie all diese Menschen hungern auch Hathaway und Flora nach jemandem, der sie versteht und mit dem sie ihre Gedanken teilen können. Nur langsam und vorsichtig kommen sie sich näher, unterstützen einander durch Klavierspiel und phantasievolle Geschichten und schaffen es schließlich ihre eigene stabile Welt inmitten aller Unsicherheit und Ungewissheit zu erschaffen. Auch wenn Hathaway sich angesichts der engelsgleichen, gebildeten, wunderbar klavierspielenden Flora zunächst nicht so recht wohl in seiner Haut fühlt, stellt sich doch schnell heraus, wie viel die beiden Jugendlichen gemeinsam haben: schmutzige Hände zum Beispiel und trinkende Väter- aber auch Lebenslust und vor allem ihre Zuneigung zueinander. Ihre Liebesgeschichte wirkt wie aufgemalt auf eine raue Leinwand der Wirklichkeit, eine Wirklichkeit des wilden Westens mit eigenen Gesetzten. In dieser können Menschen von Liebe befallen oder einfach ermordet werden.
Genaues Lesen und Vorstellungsvermögen sind nötig, um Hathaway Jones Welt begreifen zu können. Zahlreiche Schicksale sind miteinander verflochten und durch den gemeinsamen Kampf um und gegen die Natur verbunden.
Katja Behrens Erzählung ist geprägt von Landschaftsbildern und Gegensätzen. Die Autorin gibt eine Geschichte wieder, die wirklich geschehen ist. Eine, die sie gehört hat als sie selbst unterwegs war, entlang des Rogue River, um alle Farben, die sich in ihrem Buch wiederfinden in sich aufzunehmen. Geschickt vermischt sie ihre eigenen Eindrücke mit der historischen Vergangenheit ohne ihre Erzählung durch schwerwiegende Thematiken unnötig zu beschweren. Weder Floras alkoholabhängiger Vater, die herumliegenden Leichen, noch das traurige Aussterben des Indianerstammes von Floras bester Freundin Meisje, schaffen es die positive Klarheit der Geschichte zu verdüstern. Interessante Kontraste im Inhalt und der Sprache erlauben es dem verständigen Leser mit Hathaways Augen zu sehen.
Das Buch, das den deutschen Jugendliteraturpreis 2003 in der Kategorie Jugendbuch verliehen bekam, fordert von seinem Leser die Bereitschaft sich auf es einzulassen. So sagt auch dieses Buch zu jedem seiner Leser etwas anderes und vielleicht am allermeisten zu denen, die die Jugendzeit selbst schon durchlebt haben. Denn auch wenn Hathaways Leben so anders aussieht als das seiner Leser, so sind doch ihre Träume, Ängste und Hoffnungen dieselben.