Gerade weil es einerseits ständig "neue" Trends und andererseits regelmäßig Hinweise auf die traditionellen Werte und Kernaussagen des Yoga gibt, ist es wichtig und sinnvoll, sich von Zeit zu Zeit mit den mitunter als irrelevant ( weil in der Vergangenheit liegend und mit verstörenden Details versehen) bezeichneten historischen Ursprüngen des Yoga zu befassen und sich mit dem vollständigen Wortlaut dieser Quellenschriften auseinander zu setzen.
Das Wort svâdhyâya, das Bestandteil von "niyama", der zweiten Stufe des im Yoga Sûtra dargestellten achtgliedrigen Systems ist, meint neben dem Selbststudium eben auch dieses Studium der (heiligen) Schriften.
Während es nun von Patanjalis Yoga Sûtra auch im deutschsprachigem Raum eine ganze Reihe von kommentierten Übersetzungen, Übertragungen und Interpretationen gibt, sieht es bei den mehrere Jahrhunderte später entstandenen Schriften des Hatha-Yoga weit weniger gut aus. Um so erfreulicher ist es, dass der Phänomen-Verlag aus Neuenkirchen sich zur Neu-Ausgabe der Hatha (Yoga) Pradîpikâ (die ursprünglich nur Hatha-Pradîpikâ hieß) entschieden hat.
Zwar handelt es sich um eine Übersetzung von 1893, die Hermann Walter bereits zwei Jahre zuvor der Philosophischen Fakultät zu München vorgelegt hatte, aber sie wirkt erstaunlich frisch und zeitgemäß und ermöglicht es den LeserInnen, sich einen eigenen Eindruck zu machen, was es mit dem tantrisch geprägten Hatha-Yoga ursprünglich auf sich hatte. Es ist eine Lektüre, die vielerlei Überraschungen birgt.
Vorab erläutert der Übersetzer ausführlich die wichtigsten Begriffe der Hatha-Pradîpikâ ("Einige Termini technici") und listet in einem anschließenden Verzeichnis die im Hatha-Yoga häufig vorkommenden Sanskrit-Wörter auf, übersetzt diese und führt jene Stelle(n) der Hatha Pradîpikâ an, wo dieser Begriff verwendet wird.
In der zweiten Hälfte folgt die Übersetzung der in vier Kapitel gegliederten Hatha Pradîipikâ, wobei einzelne Verse erläutert oder mit Vergleichen und Hinweisen ergänzt werden. Die konstante Verwendung von Zwischenüberschriften erleichtert die Orientierung bei der Lektüre und auch die gelegentlichen Querverweise sind hilfreich.
Das erste Kapitel beschreibt die Voraussetzungen für die Übungen, ethische Grundlagen und einzelne âsanas, wobei siddhâsana favorisiert wird: "Was sollen die vielen anderen Âsana, wenn einmal das Siddhâsana geglückt ist,..." heißt es da im Vers 41 des ersten Kapitels.
Das zweite Kapitel befasst sich primär mit (schweißtreibendem) prânâyâma, gibt dazu teilweise präzise Anleitungen (mit Zeitvorgaben) und empfiehlt dicken und phlegmatischen Menschen sechs Reinigungsübungen, dabei wird insbesondere nauli, das "Quirlen" des Bauches, hervorgehoben.
Im dritten Kapitel geht es vor allem um mudrâs und bandhas, aber auch um Viparitakarani ("so wird man nach sechs Monaten an seinem Körper weder Runzeln noch graue Haare sehen", S. 89) und tantrische Techniken wie z. B. vajroli. Vereinfacht ausgedrückt, geht es dabei darum, beim Koitus des Samen zu bewahren. In der von Vishnudevananda herausgegebenen Ausgabe fehlt dieser Abschnitt ganz und in der Übersetzung von Lore Tomalla ist von den "Sekretionen der Beckenbodenregion" die Rede. Hier ist dieser Abschnitt zunächst in Latein gesetzt und im Anhang ins Deusche übersetzt.
Das vierte Kapitel schließlich beschreibt den Zustand von samâdhi ( "Von allen Zuständen befreit, von allen Gedanken verlassen ist nun der Yogin gleich einem Toten, aber erlöst.", S. 113) sowie Meditation auf den inneren Klang (nâdopâsana bzw. nâdanushandhâna) und Svâtmârâma preist erneut die mudrâ khecari, hier im Vers 46 als "Liebling des Siva".
Die Lektüre dieser Ausgabe eines der bedeutsamsten Hatha-Yoga-Quellentexte ist jeder Yogalehrerin und jedem Yogalehrer aus drei Gründen zu empfehlen: 1. um selbst in Erfahrung zu bringen, worauf der Hatha-Yoga gründet, 2. um aus der mitunter schwer verständlichen Kompilation unterschiedlicher und sich zum Teil widersprechender Anweisungen und Empfehlungen das Sinnvolle, Praktikable, Erhaltenswerte heraus zu finden und 3. um sich von einzelnen Versen inspirieren zu lassen.