DEUTSCHER JUGENDLITERATURPREIS 1998, PREIS DER STIFTUNG BUCHKUNST 1997, »SCHÖNSTE BÜCHER AUS ALLER WELT« 1998, EHRENDIPLOM
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Der Tod im Kinderbuch
«Was passiert, wenn man tot ist?» Eine einfache Kinderfrage kann unsere Inkompetenz in Sachen Sterben gnadenlos blosslegen. Die moderne Kinderliteratur hat die Scheu vor dem Thema schon lange abgelegt.
Die Zeiten, als der Tod ein bestimmbarer Ort der Glückseligkeit in einem Himmel voller Engel war, sind vorbei. Das lässt unser Verantwortungsbewusstsein den Kindern gegenüber nicht mehr zu: Wir wollen nichts behaupten, was wir selbst nicht genau wissen. Gleichzeitig aber erscheint es uns brutal und rücksichtslos, das eigene Unwissen, die eigene Angst vor dem Tod zu offenbaren und Kinder in quälende Ungewissheit zu stürzen. Am allerliebsten würden wir das Thema überhaupt von den Kleinen fernhalten (oder die Kleinen vom Thema?).
Die moderne Kinderliteratur allerdings hat die Scheu vor dem Thema Sterben schon lange abgelegt und sich der Herausforderung, existentielle Grenzsituationen fiktional und sprachlich zu bewältigen, gestellt. In der Regel orientieren sich die Autorinnen und Autoren dabei durchaus an gesellschaftlichen Realitäten wie dem Verschwinden von Tod und Sterben aus der Erfahrungswelt der Kinder. Auch versuchen manche Bücher, jene kulturelle Leerstelle auf der transzendenten Ebene zu füllen, welche der Verlust der christlichen Symbolik hinterlassen hat. Das allerdings wird von vielen Eltern als Eindringen in ihre Privatsphäre empfunden, wollen sie ihre Kinder doch vor ihrer Meinung nach falschen Todesinterpretationen und Jenseitsvisionen bewahren.
In diesem sensiblen, weil gesellschaftlich tabuisierten Bereich werden deshalb von seiten der Erwachsenen konkrete Forderungen an die Kinderliteratur gestellt. Ganz im Sinne des «prodesse et delectare» der europäischen Aufklärung wird neben dem Unterhaltungswert vor allem die Frage nach dem Nutzen der Bücher ins Zentrum gerückt: Literatur als einfache Erziehungshilfe, Bücher im Dienste eines Problembewältigungsprogramms. Diesem Druck hat sich die Kinderliteratur zum Thema Tod in den vergangenen zwanzig Jahren nur in Ausnahmefällen wirklich entziehen können. Ein Blick auf Neuerscheinungen zeigt, dass das Gelingen auf der thematischen Ebene in der Regel direkt mit der literarischen Qualität eines Textes verknüpft ist. Das stimmt zuversichtlich und unterstreicht, dass eine substantielle kinderliterarische Beschäftigung mit Sterben und Tod durchaus eine kreative Sache sein kann.
Warum?
Die Geschichte von der kleinen Friesin Künna, die, als sie eines Tages den Tod kennenlernt, ihres Lebens nicht mehr froh werden kann, wird von Meike Hinrichs in einer Sprache erzählt, welche in ihrer ans Märchen angelehnten Symbolhaftigkeit sofort neugierig macht. «Warum fängt alles an, nur damit es wieder aufhört?» will Künna in «Künnas Reise» von ihrer Mutter wissen. Doch deren bildreiche Erklärungen können den Wunsch ihrer Tochter, den Tod zu verstehen, nicht befriedigen. Also macht Künna sich auf, den Tod zu suchen. Auf dieser halb phantastischen, halb realistischen Reise muss sie feststellen, dass alle, die sie fragt, eine andere Vorstellung vom Leben und vom Sterben haben. Sie erfährt, dass der Tod alle Menschen gleich behandelt, dass das Leben ein ständiger Kampf gegen die Unordnung ist, aus der immer der Tod als Sieger hervorgeht. Und dass manche Dinge einen Wert haben, deren Sinn man nicht gleich erkennen kann.
Ausserdem trifft Künna auf einen gleichaltrigen Jungen, der aus den Erzählungen seines Grossvaters weiss, nach welchen genauen gesellschaftlichen Regeln früher gestorben und getrauert wurde. Wenn sie am Ende nach Hause zurückkehrt, hat Künna nicht nur ihre Lebensfreude wieder, sondern noch einen Freund dazu. Meike Hinrichs packt das Thema mit humorvoller Ernsthaftigkeit an. Sie hebt die Handlung gerade so weit von der realistischen Ebene ab, dass die kleine Protagonistin die Auseinandersetzung mit dem Tod selbständig leisten kann. Sie lässt Raum für eine Fülle gängiger Lebens- und Todesvisionen und versucht nicht, das Geheimnis des Sterbens zu ergründen. Unverständlich deshalb, weshalb Hinrichs es für nötig erachtet, zwischendurch einen Abstecher in ein verkitschtes Zwergenreich einzufügen, der motivisch völlig aus dem stimmigen Ganzen herausfällt.
In jenseitigen Sphären
Der Niederländer Dolf Verroen erliegt in «Es ist an der Zeit» der Verlockung, sich das Erlebnis des Todes samt einer jenseitigen Welt auszumalen in der guten, doch verfehlten Absicht, dem Tod dadurch seinen Schrecken zu nehmen: Der unglückliche Waisenjunge Karl trifft eines Tages auf einen Mann, der sich als der Gehilfe des Todes zu erkennen gibt. Er sei für die Kinder zuständig, erklärt er, und er werde mit seiner Schere nach und nach Teile von Karls unsichtbarem Körper (der Seele?) abschneiden, bis nichts mehr übrig bleibt: dann heisst es sterben. Obwohl sich Karl anfangs dagegen wehrt, muss er bald einsehen, dass er machtlos ist gegen den Tod. Eines Tages nun wacht er tatsächlich als unsichtbarer Geist auf seinem eigenen Grabe auf und kann die Reaktionen auf seinen Tod beobachten. Nach einer kleinen Heldentat schliesslich entschwebt er in höhere Sphären nicht ohne vorher noch bei einer spiritistischen Sitzung mitgewirkt zu haben.
Verroen beginnt sein Buch als geradezu humoristische Groteske. Er zeigt den einsamen Karl inmitten seiner fürchterlichen Verwandtschaft, der er seit dem Tod seiner Eltern ausgeliefert ist. Der Autor arbeitet dabei mit Mitteln, die stark an Comics erinnern angefangen mit der überzeichneten Typisierung der Figuren über eine sehr direkte Sprache bis hin zur szenischen Bündelung der Handlungsabläufe. In dieses Satyrspiel stellt er den Waisenjungen mit seiner realistischen Trauer, seinen Ängsten und seiner Hoffnungslosigkeit. Das erzeugt eine komische Spannung, die der Kinderfigur etwas von ihrer Tristesse nimmt. Diese Balance gerät mit jenem Augenblick aus dem Gleichgewicht, in dem der Autor den «Kindermörder» einführt. Denn gerade diese Phantasiefigur lässt die Handlung immer stärker auf eine platte, realistische Ebene kippen, wo das Fehlen differenzierter emotionaler Bindungen nun plötzlich als grosser Mangel empfunden wird. Aus seinem freudlosen Leben entschwindet Karl so in eine langweilige jenseitige Welt wo er zwar seine Eltern wiederfindet, aber noch immer keine Liebe.
An mittelalterliche Personifikationen von Tugenden und Lastern angelehnt ist Peter Pohls überraschendes und vitales Konstrukt einer unsichtbaren, geistigen Welt in «Glittras Auftrag». An jenem Ort mit Namen Ewigkeit nämlich wohnen neben der «Tabakbraunen Verantwortung» auch noch die «Dunkelgrüne Pflicht», die «Rosarote Genügsamkeit», der «Feuerrote Zorn», das «Schmuddelige Gewissen» und das «Wachende Grau». Sie alle können Gedanken und Gefühle der Menschen beeinflussen. Doch die Sache ist noch komplizierter. Der Autor führt in der Geschichte von Martin, der nichts als gefährlichen Unsinn im Kopf hat, nämlich auch noch einen geradezu klassisch klischeehaften weiblichen Schutzengel ein, der die eigentliche Bewachung des Kindes zu übernehmen hat. Glittra eben. Diese muss sich abplagen, mit Glitzerstaub um sich werfen und «Zeitfalten legen» alles nur, um Martin von seinen lebensbedrohenden Spielideen abzulenken, was die Dunkelgrüne Pflicht oder die Rosarote Genügsamkeit doch wohl sehr viel schneller schaffen könnten. Da Pohl in diesem Buch aber auf eine Grenzerfahrung zielt, muss Glittra sich am Ende sogar in selbstmörderischer Weise «verdichten» eine Art Märtyrertod , um die schon in die Ewigkeit zu entschwinden drohenden Seelen von Martin und seiner Spielgefährtin Linda zurück ins Leben zu befördern. Die wunderbaren Allegorien aber bleiben reine Staffage. Das hält Jacky Gleich erfreulicherweise nicht davon ab, gerade diese in ihren frechen Illustrationen mit sichtbarer Lust zu gestalten.
Ein Bilderbuch voller Fragen
«Hat Opa einen Anzug an?» diese Frage steht am Anfang eines Bilderbuchs, welches das Sterben explizit wieder in den traditionellen Familienkontext rückt. Ganz unmissverständlich zielt die Autorin Amelie Fried auf jene Lücken im sozialen Wissen, die durch das Verbannen des Todes aus dem Alltag entstanden sind. Von seinem Opa kann Bruno nur die Schuhe sehen, die über den Sargrand ragen die Anzugschuhe. Und Opa hat tatsächlich auch den dazugehörigen Anzug an, wie Bruno vermutet hat. Der Text des Bilderbuches spielt vor allem mit den gesellschaftlichen Konventionen des Todes: mit der ritualisierten Trauer, mit den klischeehaften Floskeln und mit der Nebenrolle, die man Kindern dabei zuweist. Gerade dieses Beiseiteschieben der Kleinen findet sich in den in Braun gehaltenen, trotz ihren dunklen Farben durchaus animierenden Bildern von Jacky Gleich besonders thematisiert. In die fratzenhaft verzerrte Düsternis und die körperlich übermächtige Präsenz der erwachsenen Trauer wird das Kind Bruno als winzige rothaarige Figur gestellt. Ein bisschen deplaciert und doch das eigentliche Zentrum. Denn um sein Begreifen geht es, um seine Trauer um Opa und um die Art und Weise, wie er dessen Tod emotional und rational in sein Weltbild einordnet. Dass der Buchtitel als Frage formuliert ist, hat seinen guten Grund. Möglicherweise wird nämlich dieses Bilderbuch bei Kindern mehr Fragen auslösen, als es beantwortet. Aber das muss ja keineswegs ein Mangel sein.
Gerda Wurzenberger -- Neue Zürcher Zeitung
Manche finden die Bilder etwas "düster", aber das spiegelt eher die Sicht eines Erwachsenen wieder. Kinder empfinden es anders. Die eher dunklen Bilder sprechen die emotionale Ebene der Kinder an, was in Verbindung mit der Geschichte auch das Verständnis für das Geschehen erleichtert.
Das Buch gehört mit zu meinen Empfehlungen, die ich im Rahmen meiner Tätigkeit in der Krisenintervention (Notfallbetreuung) und als Trauerbegleiter, beides auch speziell für Kinder, an interessierte und betroffene Eltern gebe.
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